Sport : Der ganz große Zusammenhang

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Von Helmut Schümann

Busan. Nun also Kamerun. Kamerun kann der erste Fußball-Weltmeister aus Afrika werden, hat Pelé gesagt. Kamerun ist stark, unheimlich stark, sagen die Trainer der Konkurrenten, sagt auch Rudi Völler, gegen dessen Mannen die Kameruner am Dienstag zum letzten Vorrundenspiel antreten. Die Frage ist noch offen, ob es für einen der beiden auch das letzte WM-Spiel 2002 sein wird und wenn ja, für wen. Kamerun ist der Liebling der Experten, wenn es darum geht, Kraft und Herrlichkeit und Zukunft des afrikanischen Fußballs zu rühmen.

Vor nicht wenigen Jahren lag die Zukunft in Nigeria, demnächst könnte sie von Senegal gestellt werden, Südafrika, mit Aussichten noch auf Runde zwei beim jetzigen Turnier, hat aus den hinteren Reihen auch schon mal nach vorne gerufen: „Hallo, wir sind die Zukunft, die Hoffnung.“

„Alles ist möglich", hat Südafrikas kugeliger Trainer Jomo Sono nach dem 1:0-Sieg über Slowenien gesagt. Und der Senegalese El Hadj Diouf konnte nach dem 1:1 gegen Dänemark seine Rolle und die seiner Mitspieler nicht hoch genug hängen: „Das war sehr, sehr wichtig für Afrika." Nur die Tunesier, die fünften Vertreter aus Afrika, sagen gar nichts, vielleicht, weil sie sportlich derzeit auch nichts zu sagen haben.

Es geht wohl nicht schlichter. Entweder sind die afrikanischen Teams sozusagen schon fürs Finale qualifiziert - wie die Nigerianer immer vor ihren bisherigen drei Teilnahmen (realiter sind sie zweimal im Achtelfinale rausgeflogen, was ihnen diesmal nicht passieren kann, weil sie jetzt schon weg sind vom Fenster). Oder sie vertreten Afrika und bringen Afrika, ihre Heimat nach vorne – obwohl dieses Turnier im Falle Dioufs vor allem ihn und seinen Kollegen Salif Diao sehr weit nach vorne bringt, die beiden wechseln nämlich zum FC Liverpool, womit die Zukunft sehr hoffnungsfroh gestaltet ist.

Seit Roger Milla 1990 beim WM-Turnier in Italien seine Kameruner nicht nur mit Tänzchen an der Eckfahne ins Gespräch, sondern mit herausragenden Leistungen ins Viertelfinale gebracht hat, werden Spiele gegen afrikanische Mannschaften stets in den ganz großen Zusammenhang gestellt. Von Seiten der Afrikaner wie auch von Seiten der Gegner, vornehmlich denen aus Europa.

Schon der vormalige Bundestrainer Berti Vogts hat gerne und oft vor der Gefahr gewarnt, die da von jenem unbekannten Kontinent drohe, hat gepriesen, dass afrikanische Fußballer alles haben, was ein erstklassiger Fußballer braucht: nämlich Kraft und Schnelligkeit, Technik und Ballsicherheit, Leidenschaft und Erfolgshunger. Nur eins habe er nicht, der Afrikaner, und in diesem Punkt ging Vogts der Schnacksel-Prinzessin Gloria schon mal vorweg: Er ist ja so undiszipliniert, der Afrikaner.

An dem Bild hat sich wenig geändert. Zwar spielen nahezu alle hier bei der WM vertretenen afrikanischen Spieler bei äußerst disziplinierten europäischen Großklubs, das Klischee aber hält sich, wie auch die Meinung, dass taktische Zucht und spielerische Ordnung am besten von westlichen Trainern eingebläut werden sollten, am allerbesten von deutschen Trainern. Das wird allerdings auch von vielen Afrikanern so wiedergegeben. Marc-Vivien Foe, Kameruns Mittelfeldmann von Olympique Lyon, mit sicherem Gespür für die erwartete Antwort auf die entsprechende Frage: „Winfried Schäfer hat uns vor allem Disziplin gelehrt."

Europa und der afrikanische Fußball, ein Verhältnis von Gleichberechtigten ist es nicht. Afrikas starke, junge Männer werden gern gesehen als Angestellte auf europäischem Rasen – und werden dafür auch fürstlich entlohnt. In Gänze indes, etwa, wenn es um die Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 geht, wird der afrikanische Fußball mit viel Freundlichkeit und guten Worten beschenkt und die WM nach Deutschland vergeben.

Denn im Allgemeinen ist der Afrikaner doch noch etwas suspekt, und seine Geschichten werden genussvoll kolportiert. Der Afrikaner im Allgemeinen klaut – wie Khalilou Fadiga aus dem Senegal in einem Laden von Daegu Juwelen. Oder er streitet und feilscht, wie Kameruns Mannschaft noch auf dem Flughafen von Paris Minuten vor dem Start um Prämien. Die musste angeblich Sportminister Bidoung Mpkatt eilends und bar noch vorbeibringen, um einen Spieler-Streik zu verhindern.

Die Juwelensache hat sich übrigens ganz schnell erledigt. Es war ein Irrtum, die Angestellten des Ladens haben sich mit dem Geschenk eines kleinen, goldenen Schweinchens bei Fadiga entschuldigt. Als Aufschrift ein koreanisches Sprichwort: „Nach dem Sturm ist Ruhe.“

Und was den Prämienstreit betrifft: Es gab in der Fußball-Historie einen Fall, er ist allerdings schon ein paar Jahre, nämlich 28, her, da stritten Deutsche heftigst und per Streikandrohung ums Geld – 1974, vor der WM, die späteren Weltmeister um Paul Breitner und Franz Beckenbauer.

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