Sport : Der geheimnisvolle Helfer

Beim Streit um Schwimm-Trainer Beckmann geht es auch um Macht – jetzt ist ein Kompromiss in Sicht

Frank Bachner

Berlin - Vielleicht macht Horst Melzer ja einen Sitzstreik in Kassel, direkt vor dem Eingang zur Zentrale des Deutschen Schwimmverbands (DSV). Jedenfalls hat Melzer genügend Fantasie für spektakuläre Aktionen. „Ich habe erst 60 Prozent meiner Möglichkeiten ausgeschöpft“, sagte er drohend. Melzer ist Bundesstützpunkt-Trainer in Essen, und keiner kämpft seit Tagen so vehement für einen neuen Fünf-Jahres-Vertrag für Chef-Bundestrainer und Sportdirektor Ralf Beckmann wie er, der Trainer von Brust-Weltmeister Mark Warnecke. Er initiiert eine Unterschriftenliste unter den Trainern, er beschimpft DSV-Präsidentin Thiel.

Gut möglich aber, dass sich Melzer in Kürze wieder beruhigen kann. „Wir sind in weiteren Gesprächen. Es läuft möglicherweise auf einen Kompromiss hinaus“, sagt Jürgen Fornoff, der Generalsekretär des DSV zur Personalie Beckmann. Der DSV will Beckmanns Vertrag derzeit aus finanziellen Gründen nur bis Olympia 2008 verlängern. Das lehnt der charismatische Chef-Bundestrainer ab.

Aber Beckmann ärgert sich wohl nicht bloß über die Vertragsdauer. Es geht auch um eine Machtfrage. Das hat der Chef-Bundestrainer und Sportdirektor im kleineren Kreis durchblicken lassen. Denn seit Sommer ist Hans-Jürgen Günther „Präsidiumsbeauftragter“ für die Koordination Leistungssport. Berufen von der DSV-Präsidentin. Günther war früher DSV-Vizepräsident Leistungssport. Und Beckmann empfindet Günther wohl als unangemessenen Aufpasser.

Günther soll Beckmann aber „nur helfen und unterstützen“, sagt Fornoff. „Der Laden ist nicht mehr rund gelaufen. Günther sollte jetzt dafür sorgen, dass er rund läuft.“ Günther soll zum Beispiel als Moderator auftreten, wenn es Kommunikationsprobleme zwischen dem Chef-Bundestrainer und einem Heimtrainer geben sollte. „Aber er ist auf keinen Fall der Johnny Controlletti“, sagt Fornoff. „Er ist gegenüber Beckmann auch nicht weisungsberechtigt.“

Für Melzer aber läuft der Laden erst durch Günthers Auftreten nicht mehr richtig rund. „Es weiß eigentlich keiner, was seine Aufgabe ist“, sagt Melzer. Er schätzt Günther persönlich, das schon, „aber sein Job hat einen faden Geschmack. Er hat einen Anstrich von Controlling.“ Günther saß bei der Auswertung der WM 2005, er sitzt bei anderen Sitzungen, „aber er hört immer nur stumm zu“, sagt Melzer. „Das ist ein reiner Sportpolitiker.“ Und mit so einer Personalie kommt Melzer nicht klar. „Ich arbeite schon seit so vielen Jahren im DSV. Ich lasse mir nicht gefallen, dass ein gutes System, das von Beckmann lebt, beschädigt oder zerstört wird.“

Lars Conrad hat zu Günther bisher sogar nur „Guten Tag“ und „Auf Wiedersehen“ gesagt. Kein Wunder also, dass der stellvertretende Athletensprecher der deutschen Schwimmer sagt: „Der hat überhaupt keinen Draht zur Basis. Wir brauchen seinen Posten nicht.“ Conrad hat am Montag eine Unterschriftenliste an die DSV-Zentrale abgeschickt. 26 Schwimmer fordern darauf den langfristigen Verbleib von Beckmann.

Geheimnisvolle Drohungen im Melzer’schen Stil verkneift er sich. „Wir sind nicht in der Lage zu drohen.“ Sollen die Athleten etwa Wettkämpfe boykottieren? „Albern.“ Conrad geht’s um die große Strategie des Verbands. „Wir Athleten haben alle Angst vor einem Rückfall in alte Zeiten.“ Bei den Olympischen Spielen 2000, „da war das deutsche Team doch ein Trümmerhaufen. Da bestand es nur aus Einzelkämpfern.“ Beckmann habe einen Teamgeist geweckt, er repräsentiere die Mannschaft in der Öffentlichkeit ausgezeichnet. „Er ist eine Leitfigur. Ich sehe keinen, der ihn ersetzen könnte“. Beckmanns Abgang wäre „ein absoluter Rückschritt“.

Die Spielräume für einen Kompromiss, mit dem Beckmann gehalten werden kann, sind allerdings nicht allzu groß. „Wir als Verband haben auf keinen Fall das Geld, über 2008 hinaus einen Chef-Bundestrainer zwei Jahre lang zu bezahlen“, sagt Fornoff.

Doch wenn es der DSV-Präsidentin Thiel gelingen sollte, den charismatischen Beckmann zu halten, wird sie sehr schnell von ihrem derzeit größten Kritiker hören. „Dann bin ich der erste, der ihr gratuliert“, sagt Melzer.

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