Sport : Der Geheimtipp bei den US Open

Jörg Allmeroth

Der junge Himmelsstürmer ist wie geschaffen für die elektrisierende Atmosphäre im Tennis-Hexenkessel von New York: Auf den Courts der Arthur-Ashe-Anlage fühlt sich der wilde Straßenkämpfer Lleyton Hewitt "einfach sauwohl". Vergessen ist die feine Etikette von Roland Garros in Paris, vergessen das noble Traditions-Theater von Wimbledon: Hier bei den US Open, frei von allen Formalitäten, Zeremonienmeistern und Konventionen, ist der 18-jährige Draufgänger aus Adelaide zu Hause. Die Energie, die dieser ganz besondere Schauplatz des Tennis-Wanderzirkus ausstrahlt, saugt der vielleicht talentierteste Spieler der U-20-Generation "ganz begierig" in sich auf: "Am liebsten hätte ich jede Woche so ein Publikum und so eine fiebrige Stimmung." Fern der Heimat fühlt sich der von den amerikanischen Tennisfans begeistert angefeuerte Hewitt wie ein Heim-Spieler: "Es ist fantastisch."

Wie sehr die exzentrischen Arbeitsbedingungen den Teenager und "Teufelskerl" ("New York Post") inspirieren, zeigten die ersten beiden Auftritte Hewitts: Zunächst deklassierte der ehrgeizige Hitzkopf den ehemaligen Schweizer Top-Ten-Spieler Marc Rosset 6:2, 6:2, 6:0, dann geriet auch Hewitts Landsmann Wayne Arthurs in vier Sätzen unter die Räder.

Jetzt muss sich der French-Open-Finalist Andrej Medwedew in der dritten Runde vor dem schlagkräftigen Jüngling in Acht nehmen, der in drei Wochen auch beim Davis-Cup-Halbfinale der Australier gegen Russland zum grossen Hoffnungsträger der beherrschenden Tennisnation der 50er und 60er Jahre geworden ist. In der unsicheren Verletzungs-Lage um Patrick Rafter und Mark Philipoussis könnte Hewitt, Anfang des Jahres noch ein Sparringspartner in der Aussie-Mannschaft, plötzlich der entscheidende Mann beim Endspiel-Anlauf werden.

Die alten Größen des australischen Tennis, die Davis-Cup-Coaches Tony Roche und John Newcombe, haben Hewitt in den letzten Monaten schon unter ihre Fittiche genommen. "Er ist der begabteste Spieler, den es bei uns seit 30 Jahren gibt", sagt Newcombe, der fünfmalige Grand-Slam-Sieger, "er ist in seinem Alter viel weiter als Patrick Rafter." Und Newcombe: "Der Bursche kämpft wie eine Bulldogge. Den muss man erschlagen, um zu gewinnen."

In der Tennissaison 1999 hat Hewitt einen der steilsten Aufstiege in der Weltspitze hinter sich. Er begann das Spieljahr als Nummer 113 der Hitliste und ist derzeit schon auf Rang 33 platziert. Tendenz: Weiter aufwärts. In London beeindruckte er die Fachwelt so nachdrücklich, dass die "Times" schrieb: "Hewitt ist der glanzvollste Neuling in Wimbledon seit Andre Agassi." Da musste schon ein beseelter alter Tennis-Krieger wie Boris Becker kommen, um den verwegenen Hewitt in Schach zu halten. Allerdings prophezeite auch Becker, "dass dieser Junge eines Tages mal auf Platz eins landen kann."

Seit knapp zwei Jahren lebt Hewitt mit Leib und Seele für das Tennis. Damals hatte der aufglühende Stern der Szene nach seinem historischen Turniersieg (er gewann als Nummer 550 der Weltrangliste) gegen Landsmann Jason Stoltenberg im heimatlichen Adelaide beschlossen: "Jetzt musst du es als Profi versuchen. Jetzt oder nie". Mit unbekümmerter Attitüde fegte der Heißsporn auch anschließend die Alten und Arrivierten vom Platz. Die explosive Mischung aus raffinierter Technik und bedingungsloser Leidenschaft kommt bei Hewitt nicht von ungefähr: Vater Glen war einst bekannt als wilder Geselle in legendären Rugby-Schlachten für den australischen Bundesstaat Victoria, und Mutter Cherilyn gehörte einst zu den besten Korbballerinnen auf dem fünften Kontinent. "Der junge Genius hat die richtigen Gene", titelte Mitte 1998 das australische Tennismagazin. Hewitt sei mehr als nur ein Geheimtipp für das letzte Grand-Slam-Turnier des Jahrhunderts, meint Altmeister Newcombe: "Er ist ein heißer Kandidat."

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