Sport : Der große Unterschied

Johan Micoud zaubert, Marcelinho zaudert – auch deshalb verliert Hertha BSC in Bremen

Frank Hellmann

Bremen. Es waren erst wenige Minuten gespielt zwischen Werder Bremen und Hertha BSC, als ein Raunen durch das voll besetzte Weserstadion ging. Marcelinho hob elegant seinen linken Fuß, fuhr blitzschnell die Hacke aus – und leitete mit seinen orangenen Schuhen das Spielgerät ins Seitenaus. Einige Sequenzen später vernahm die Kundschaft mit ähnlich hörbarem Erstaunen eine andere Szene: Da setzte Johan Micoud mit energischer Grätsche nach, fuhr gleich zwei Kontrahenten aus Berlin in die Beine und leitete sodann den Ball geschickt mit dem Außenrist weiter.

Es waren die Zeichen des Spiels, und sie deuteten schon früh das bittere Ende für die Berliner in Bremen an. Herthas brasilianischer Spielmacher als Zauderer, Werders französischer Dirigent als Zauberer. Die meisten Ballkontakte, die meisten Torschussvorlagen, stets die Übersicht und Kontrolle wahrend: Monsieur Micoud präsentierte sich beim 4:2 (3:1) gegen die überforderte Hertha mal wieder als Mann des Tages.

„Er macht an guten Tagen die entscheidenden zehn Prozent aus“, sagte Bremens Sportdirektor Klaus Allofs, „denn eigentlich sind sich beide Mannschaften ja sehr ähnlich.“ Was Allofs damit meint, ist: Weder der SV Werder noch Hertha besitzen die personellen Voraussetzungen, um an der Vorherrschaft der Bayern oder Dortmunder zu rütteln. Doch dahinter geht es nur um Nuancen. „In solchen Spielen entscheiden Kleinigkeiten – und Spieler wie Micoud oder Marcelinho“, sagte Allofs.

Huub Stevens hört es gar nicht gern, wenn um einzelne Spieler ein solcher Personenkult betrieben wird. Herthas Trainer denkt im Kollektiv: „Hier hat nicht der Einzelne, nicht Josip Simunic, Alexander Madlung oder Marcelinho versagt, sondern die ganze Mannschaft.“ Manager Dieter Hoeneß nahm sehr wohl die Mittelfeld-Zentrale in die Verantwortung: „Dort haben wir die Zweikämpfe gar nicht angenommen. Da hat überhaupt nichts gepasst.“ Und einmal in Rage, fuhr Hoeneß fort: „Wer im Mittelfeld versagt und bei Standardsituationen schläft, der kann nichts verlangen oder erhoffen. Diese Dinge waren diesmal entscheidend.“

Am Bremer Auftritt Marcelinhos ließ sich das ganze Dilemma der Mannschaft beschreiben: anfangs noch engagiert und eifrig, später hilf- und ideenlos, am Ende gar willen- und wehrlos. Es war bezeichnend, dass die Defensivspieler Arne Friedrich und Thorben Marx, auch für Stevens noch Berlins Beste, die beiden Tore erzielten. Die Offensive fand nicht statt – weil Marcelinho versagte und die Stürmer Michael Preetz und Luizao eine Enttäuschung waren. „Wir haben nicht einmal Aggressivität gezeigt“, bemängelte Stevens. Doch auch zu wenig Ideen und Inspiration.

Für Ideen und Inspiration steht auf Bremer Seite Johan Micoud, zumindest an guten Tagen: Seine Gala rief Erinnerungen an den Spätsommer 2002 hervor, als der 29-Jährige aus der Verkaufsmasse des AC Parma auf dem Markt angeboten wurde. Auch Herthas Manager Dieter Hoeneß überlegte damals kurz, den französischen Nationalspieler nach Berlin zu holen, entschied sich jedoch dafür, weiter auf Stefan Beinlich zu setzen. Der aber wird im Frühling 2003 nur noch als Einwechselspieler eingesetzt. Wenigstens weiß er, worauf es vor seinem Wechsel zum Hamburger SV noch ankommt: „Wir müssen noch den Uefa-Cup sichern.“

Darauf haben die Bremer nur noch eine Minimalchance. Micoud, mit bestens dotiertem Kontrakt bis 2005 ausgestattet, möchte jedoch mehr: „Wir wollen uns in den nächsten Jahren zu einem absoluten Top-Team entwickeln.“ Das sind die Bremer indes nur in den Top-Spielen: Den Siegen bei den Bayern, in Dortmund oder nun vor eigenem Publikum gegen Hertha stehen die peinlichen Niederlagen gegen Cottbus, Hannover oder Wolfsburg gegenüber.

Bei Hertha ist es genau andersherum: Gegen die Kleinen gelingen den Berlinern die erwarteten Pflichtsiege, gegen die Großen der Liga versagen sie in aller Regelmäßigkeit. Vielleicht redeten sich die Herthaner auch deshalb alle für das nächste Spiel besonders auffällig Mut zu: Dann kommen die Münchner Bayern ins Olympiastadion.

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