Sport : Der große Unterschied

Nach dem Dopingfall Nina Kraft steht das Kontrollsystem beim Triathlon in der Kritik

Jürgen Bröker

Es hat bisher keinen schöneren Tag für den deutschen Triathlonsport gegeben als den 16. Oktober 2004. Da gewannen ein deutscher Mann und eine deutsche Frau den Ironman auf Hawaii. Nina Kraft war die erste deutsche Frau überhaupt, die den wichtigsten Wettbewerb des Jahres gewann. Doch von den schönen Erinnerungen wird nichts bleiben. Nina Kraft hat mit unerlaubten Mitteln gewonnen: sie war gedopt mit dem Mittel Erythropoietin, kurz Epo. Das erhöht die Anzahl der roten Blutkörperchen, ermöglicht eine bessere Sauerstoffaufnahme und damit eine höhere Ausdauerleistung.

Ihr Vergehen hat Nina Kraft sofort eingeräumt und auch auf die Öffnung der B-Probe verzichtet. „Der Fehler ist nicht wiedergutzumachen“, sagte sie gestern in einem Interview mit dem Hessischen Rundfunk (HR). „Ich werde alle Konsequenzen tragen.“ Dreieinhalb Wochen nach ihrem Erfolg in Hawaii sagte Kraft außerdem: „Ich habe mich über den Sieg in Hawaii sowieso nicht richtig gefreut, habe mich die ganze Zeit geschämt. In Hawaii habe ich manipuliert – ich habe Mist gebaut.“ Die 35 Jahre alte Braunschweigerin dürfte sich nun juristische Hilfe holen. Mit ihrem schnellen Geständnis hat sie auch Misstrauen erregt.

Nina Kraft hat zugegeben, dass sie im Spätsommer in Absprache mit ihrem Freund und Trainer Martin Malleier mit dem Epo-Doping begonnen habe. Wirklich erst dann? „Nina Kraft ist viel zu spät aufgefallen“, sagt Dirk Werk. Er ist seit Jahren in der Triathlonszene unterwegs, als Organisator oder Moderator bei verschiedenen Veranstaltungen, etwa beim bedeutendsten europäischen Wettkampf in Roth. Er glaubt nicht, dass Nina Kraft erst seit kurzem zu unerlaubten Mitteln greift. „Ich kenne Nina seit Jahren“, sagt er. „Sie hat Talent, aber solche Leistungssprünge und eine dermaßen große Dominanz im Frauenbereich konnten nicht mit rechten Dingen zu gehen.“ Konnte sie nur deshalb auffliegen, weil auf Hawaii erstmals auch auf Epo getestet wurde? Und was hat sie nur getrieben?

Nina Kraft hatte sich lange auf den Ironman vorbereitet. In diesem Jahr hatte sie immer wieder betont, siegen allein sei nicht alles. Sie hat erzählt, dass sie an das Schicksal glaube; daran, dass man Hawaii gewinne, wenn man dort gewinnen soll. Bald galt sie als Favoritin. Nina Kraft hatte sich selbst zum Gewinnen verdammt. Und sie gewann, mit deutlichem Vorsprung. Nun könnte ihre Karriere zu Ende sein – gescheitert am eigenen Ehrgeiz. Die Siegprämie von 100 000 Dollar wird Kraft zurückzahlen müssen. Ihr droht eine Wettkampfsperre von zwei Jahren. Auch für andere wird der Fall Konsequenzen haben: Schon jetzt werden Forderungen nach verstärkten Kontrollen der Triathleten laut. Bislang gibt es große Unterschiede: Die Triathleten, die über die kürzere Distanz starten und auch an Olympischen Spielen teilnehmen, werden häufiger kontrolliert als Langstreckenathleten wie Nina Kraft, die auch beim Ironman starten. Zweifel an der Sauberkeit des Sports hat das genährt. „Ich wundere mich schon, dass es im Triathlon erst jetzt einen solch prominenten Dopingfall gibt“, sagt der Geschäftsführer der Nationalen Anti-Doping-Agentur, Roland Augustin.

Offenbar war bei Nina Kraft auch die finanzielle Versuchung groß. „Man kann nicht rechtfertigen, was sie getan hat, aber vielleicht nachvollziehen“, sagt ihr Bruder Florian Kraft. „Es geht um viel Geld, da leidet die Moral.“ Ein Sieg in Hawaii ist meist der Einstieg zum großen Geldverdienen. Doch das rechtfertige Doping nicht, sagt Timo Bracht. Er zählt zu den hoffnungsvollsten deutschen Nachwuchstriathleten, er kam auf Hawaii auf Platz acht. „Wir sind Profis und müssen mit dem Druck umgehen können“, sagt Bracht. Seine Forderung: „Es müssen regelmäßige Kontrollen her.“

Die Deutsche Triathlon Union will sich nun mit Athleten und Veranstaltern der Langdistanzwettkämpfe zusammen setzen. Intern wurde die Maßgabe für das Treffen schon ausgegeben: „Rückgewinnung der Glaubwürdigkeit“.

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