Sport : Der Kanzleramtsminister von Schalke

Andreas Müller hat lange im Schatten von Manager Rudi Assauer gewirkt, jetzt tritt er stärker in den Vordergrund

Stefan Hermanns[Gelsenkirchen]

Seine Meinung zu ändern kann durchaus ein Zeichen für Größe sein. Als Andreas Müller in der Saison 1985/86 für den VfB Stuttgart spielte, hat er dort einen jungen Kotrainer kennen gelernt, mit dem er überhaupt nicht zurechtkam. „Seine Art hat mir gar nicht gefallen, dieses Oberlehrerhafte“, sagt Andreas Müller, der inzwischen als Teammanager beim FC Schalke 04 arbeitet. Fast 20 Jahre später, als der Klub einen Nachfolger für Jupp Heynckes suchte, hat sich Müller wieder an den damaligen Assistenten von Otto Baric erinnert. Der junge Mann von einst heißt Ralf Rangnick, und zwei Wochen lang hat Müller seinem Manager Rudi Assauer im vorigen Herbst in den Ohren gelegen: „Was spricht dagegen, den Ralf zum Gespräch einzuladen?“ Inzwischen ist Rangnick seit acht Monaten Cheftrainer der Schalker.

„Ich werde mich nie hinstellen und sagen: Es war meine Idee, Ralf Rangnick zu verpflichten“, sagt Müller. In Wirklichkeit aber war es genau so, und damit hat der 42-Jährige einen erheblichen Anteil am Aufschwung des FC Schalke 04. Als Rangnick Ende September Trainer in Gelsenkirchen wurde, lag die Mannschaft auf Platz 15. Acht Monate später ist Schalke Vizemeister und steht heute im Pokalfinale gegen Bayern München.

Seit fünf Jahren arbeitet Andreas Müller an der Seite von Rudi Assauer für Schalke 04, mit der Verpflichtung Rangnicks aber hat sich der Teammanager jetzt zum ersten Mal öffentlich hervorgetan. „Assauer lässt mich immer mehr machen“, sagt Müller. Dem breiten Publikum aber ist das bisher weitgehend verborgen geblieben. Schalke ist Assauer, und Assauer ist Schalke.

Müller arbeitet weitgehend im Hintergrund – und es macht ihm nichts aus: „Ich bin weniger der große Dampfplauderer.“ In der Öffentlichkeit ist dadurch der Eindruck entstanden, als sei der stille Schwabe Müller so etwas wie das Korrektiv zum polternden Kohlenpottler Assauer, als gebe es eine glückliche Komplementärkonstellation. In Wirklichkeit sind die Unterschiede gar nicht so groß. „Es gibt eine Übereinstimmung von fast hundert Prozent“, sagt Assauer.

Dass er Schalkes früheren Kapitän im Sommer 2000 vom Spieler zu seinem Assistenten gemacht hat, sei „genau die richtige Entscheidung“ gewesen, sagt Assauer heute. „Er hat sich freigeschwommen und weiß inzwischen, worum es geht.“ Müller ist längst in den Vereinsvorstand aufgerückt und trägt den offiziellen Titel „Leiter Lizenzspieler“. In die Sphäre der Politik übertragen, wäre Müller der Kanzleramtsminister, der den Laden im Inneren zusammenhält, während Assauer sich als Bundeskanzler von Schalke um das große Ganze kümmert. „Er ist fast immer dabei und viel näher an der Mannschaft“, sagt Stürmer Ailton über Andreas Müller.

Schon zu Beginn dieser Saison hat Müller auf Schalkes Trainerbank den Platz von Rudi Assauer eingenommen. Müller ahnt, dass es Assauer nicht leicht gefallen ist, sich auf die Tribüne zurückzuziehen. „Manager, ich weiß doch, dass Sie den Rasen riechen müssen“, hat er zu ihm gesagt. Aber Assauer hat sich nicht mehr umstimmen lassen. Es war auch ein Signal nach außen, dass der 61-Jährige es ernst damit meint, Müller zu seinem Nachfolger aufzubauen. In der Theorie sind solche Pläne leicht und schnell formuliert, in der Praxis aber erweisen sich die Beharrungskräfte der Patriarchen oft als größer. Bayerns Manager Uli Hoeneß hat auch einmal gesagt, dass er ab 2006 seinen Nachfolger Oliver Kahn einarbeiten wolle. Davon ist längst keine Rede mehr.

Assauer hat nie einen Zeitpunkt genannt, an dem er sich aus dem operativen Geschäft zurückzieht, um zum Abschluss seiner Funktionärslaufbahn Präsident von Schalke zu werden. Andreas Müller glaubt nicht, „dass er das in den nächsten zwei oder drei Jahren vorhat“. Für den Fall der Fälle aber sei er sehr gut vorbereitet – „wenn er denn mal eintritt“.

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