Sport : Der Kollaps und Manchester United

Warum große Mannschaften untergehen – oder überleben

Wolfram Eilenberger

Das hatte sich Sir Alex Ferguson anders vorgestellt, damals, im Triumphjahr 1999, als er selbstbewusst verkündete, seine Mannschaft werde den Weltfußball auf ein Jahrzehnt dominieren. Es gab allen Grund, ihm zu glauben. Manchester United war zu dieser Zeit nicht nur der finanzstärkste, sondern auch erfolgreichste und beliebteste Klub des Planeten. Heute, im Herbst 2005, hat Fergusons Team 13 Punkte Rückstand auf die Tabellenspitze, steht in der Champions-League vor dem Vorrunden-Aus, ist intern heillos zerstritten, über Jahre schon ohne großen Titel und sieht auch wirtschaftlich einer ungewissen Zukunft entgegen. Wenn Fergusons Truppe am heutigen Sonntag im heimischen Old Trafford den alles dominierenden Tabellenführer FC Chelsea empfängt, ist sie klarer Außenseiter.

Diese Konstellation fordert die Frage heraus, aus welchen Gründen große Gemeinschaften eigentlich untergehen – oder eben überleben. Der amerikanische Sozialtheoretiker Jared Diamond hat unter dem Titel „Kollaps“ jetzt eine eindrucksvolle Studie zu diesem Thema veröffentlicht. Kollaps-Theoretiker Diamond erkennt vier mögliche Gründe, die einst erfolgreiche Gemeinschaften zu selbst-zerstörenden Entscheidungen bewegen: „Erstens sieht eine Gruppe ein Problem unter Umständen nicht voraus, bevor es tatsächlich da ist. Zweitens nimmt die Gruppe ein Problem unter Umständen nicht wahr, wenn es bereits eingetreten ist. Nachdem es dann eingetreten ist, versucht sie drittens unter Umständen nicht einmal, eine Lösung zu finden. Und wenn sie es schließlich zu lösen versucht, gelingt dies unter Umständen nicht.“ In Manchester scheinen tatsächlich alle vier Katastrophen-Gründe konsequent aufeinander gefolgt zu sein, ein echter Bilderbuch-Kollaps also.

Offenbar nicht vorausgesehen wurde die Gefahr, eine globale Aktiengesellschaft wie ManU könne Marktbegehrlichkeiten wecken, die rein gar nichts mit Fußball zu tun haben. Über Jahre war der Traditionsklub von der Drohung eines feindlichen Aufkaufs belastet. Das Zittern währte so lange, bis schließlich niemand mehr ernsthaft an den Coup glaubte. Und plötzlich ging es ganz schnell. Binnen einer Woche kaufte ein gewisser Malcolm Glazer die Mehrheit der Klubaktien auf und nahm ManU von der Börse. Jetzt gehört der Verein einem greisen, fachfremden amerikanischen Milliardär und seinen drei leicht schräg wirkenden Söhnen. Die Fans tobten. Wehren konnten sie sich nicht.

Anders die konkreten Probleme auf dem Spielfeld. Sie waren absehbar, wurden aber lange nicht wahrgenommen. Denn der sportliche Verfall vollzog sich nicht abrupt, sondern als „schleichende Normalität“. Jedes Jahr wurde die Triumph- Achse von 1999 – die Brüder Neville, Keane, Scholes und Giggs ein bisschen älter. Erst blieben internationale Titel aus, dann die nationale Meisterschaft, schließlich reichte es nicht einmal mehr für Pokalerfolge. Was wie leistungssichernde Kontinuität erschien, war kontinuierlicher Leistungsabbau. Doch auch als die Krise nicht mehr zu leugnen war, wurde der große Schnitt vermieden. Mit dem Triumph von 1999 hatte sich eine Elite ausgebildet, die sich von den Folgen ihrer Handlungen und Misserfolge abschotten konnte, die sakrosankt war – namentlich der zum Ritter geschlagene Alex Ferguson und sein bestbezahlter, indes zunehmend überforderter Führungsspieler Roy Keane. Lange unantastbar, werden die beiden nun auch öffentlich als Verfallsfaktoren anerkannt. Ausgetauscht werden konnten sie dennoch nicht. Die Identitätskrise, in die der Verein durch die Übernahme geraten war, rettete diesen beiden Identitätsfiguren ein weiteres Jahr den Kopf – zum Schaden der Mannschaft.

Natürlich gab es auch Lösungsversuche. Van Nistelrooy kam für Cantona, Ringeltänzer Cristiano Ronaldo ersetzte David Beckham. Doch aufs Ganze ist die Bilanz auch hier seit Jahren negativ, insbesondere in Bezug auf die charakterliche Eignung der Zugänge. Mit Wayne Rooney und Alan Smith wurde in ein junges Sturmduo investiert, das mit dem Adjektiv „verhaltensauffällig“ noch milde beschrieben ist. Kultstar Rooney und Leitwolf Roy Keane mögen sich im Pub bestens verstehen. Was solch ein Führungsduo für das tägliche Kabinenklima bedeutet, kann sich jedoch jeder ausmalen.

Der leibliche Kollaps von Manchesters Altlegende George Best, der seit Wochen mit dem Tod ringt, wirkt im Kontext wie ein schauriges Sinnbild für den Gesamtzustand des Vereins.

Im Gegensatz zu großen Individuen ist der endgültige Abgang großer Vereine keine Naturnotwendigkeit. Kollaps-Forscher Diamond entwickelt in seinem Werk auch Verfahren, mit denen Gemeinschaften ihren Untergang abwenden können. Folgte man diesen Ratschlägen, so könnte das in Manchester schon bald zum Ankauf eines neuen Leitduos führen, und zwar des einzig wirklich überzeugenden, das derzeit auf dem Markt ist: Ottmar Hitzfeld und Michael Ballack.

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