Sport : Der leise Jubel

Herthas Stürmer haben gegen Kaiserslautern erstmals überzeugt – doch der Klub sucht nach neuen Angreifern

André Görke

Berlin. Dieter Hoeneß kam ganz schön in Bedrängnis. „Nein, ich habe keinen Blumenstrauß verschickt“, nuschelte der Manager von Hertha BSC in ein ARD-Mikrofon. Sekunden später relativierte Hoeneß seine Aussage: Er wisse nicht genau, „wem ich alles Blumen schenke“. Und am Ende gab Hoeneß zu, dass er Frau Lokvenc einen Blumenstrauß hatte zukommen lassen: „Ja, aber schon vor zwei Wochen.“

Hertha BSC ist also auf der Suche nach einem neuen Stürmer – das allein war das eigentlich Wichtige an dieser kleinen Posse, die sich im Keller des Olympiastadions zwischen Hoeneß und dem Fernsehteam abspielte. Wenn der Berliner Manager schon der Frau von Vratislav Lokvenc eine kleine Aufmerksamkeit zukommen lässt, kann diese Geste als ernsthaftes Indiz dafür gewertet werden, dass Hoeneß deren Mann nach Berlin locken will. Vratislav Lokvenc, 30 Jahre alt, fast zwei Meter groß, steht bis zum Sommer beim 1. FC Kaiserslautern unter Vertrag – und wäre dann ablösefrei.

„Natürlich bemühe ich mich um so einen Spieler“, sagte Manager Hoeneß am Tag nach dem 3:0-Sieg gegen eben jenen Klub aus Kaiserslautern. „Blöd“ sei es nur, dass die Geschichte publik wurde, weil ein Blumenhändler der Führungsetage des 1. FC Kaiserslauterns den Auftraggeber verriet. „Sehr diskret war das nicht“, sagt Hoeneß. „Hoffentlich arbeiten nicht alle Blumenhändler so in Deutschland.“

Wenn Hertha BSC in diesen Tagen bundesweit einen Stürmer sucht, dann ist das kein schlechtes Zeichen. Alles andere wäre fahrlässig – trotz des vergangenen Wochenendes. Am Sonnabend haben Herthas Angreifer Fredi Bobic und Artur Wichniarek zwar harmoniert, und jeder hat auch ein Tor erzielt. Doch um diese gute Leistung zu zeigen, haben sich die beiden eben neun Monate Zeit gelassen. Auf sechs Tore kommen sie, gemeinsam. Bobic hat gegen Kaiserslautern sein fünftes Saisontor erzielt, Wichniarek sein erstes. Als sie vor einem Jahr präsentiert wurden, sprach Herthas Manager Hoeneß noch stolz von „einem 26-Tore-Sturm“. So oft hatten die beiden zusammen in der Saison zuvor für ihre damaligen Klubs Hannover und Bielefeld getroffen.

Von dieser Quote sind die Berliner Angreifer weit entfernt. Am Samstag gelang es Hertha überhaupt das erste Mal in dieser Saison, in einem Heimspiel drei Tore zu erzielen und den Sieg „souverän über die Zeit zu bringen“, wie Trainer Hans Meyer sagt. Dieses Erfolgserlebnis habe allen gut getan, „natürlich auch den Stürmern. Sie alle standen ja zuletzt scharf in der Kritik“, sagt Hoeneß.

Dass Trainer Hans Meyer am Sonntag seinen Stürmer Fredi Bobic ungewohnt energisch in Schutz nahm, bekam dieser gar nicht mit. Als die Mannschaft sich zum Auslaufen traf, war Bobic bereits zur Nationalmannschaft unterwegs, die am Mittwoch in Bukarest gegen Rumänien spielt. „Er hat das richtig gut gemacht“, sagt Meyer. Sowieso habe er in der Mannschaft „endlich mal keine Ausfälle gesehen“. Er meine damit „nicht die Leistung, sondern die Einstellung“.

Dass diese auch bei Bobic manchmal nicht stimmte, war immer wieder bei Hertha zu hören, auch intern. Wenn Bobic aber wie gegen Kaiserslautern ein Tor erzielt, durch das Hertha mit einem Drei-Tore-Vorsprung in die Pause geht, ist er kaum aus der Mannschaft wegzudenken. Es gibt sie nur zu selten, diese Tore. An Gelegenheiten hat es nie gemangelt. In der Hinrunde hat Bobic nur einmal nicht von Anfang an gespielt.

Am kommenden Wochenende spielt Hertha BSC bei Schalke 04. Bobic ist wegen der fünften Gelben Karte gesperrt. Ob Nando Rafael für ihn spielen kann, ist ungewiss. Das liegt nicht nur an seinem Jochbeinbruch – Rafael trägt eine Gesichtsmaske –, sondern auch an der Frage, ob Hertha auswärts mit zwei Stürmern angreifen wird. Bislang geht das Defensivkonzept der Berliner auf. In den vergangenen vier Spielen hat Hertha nur zwei Tore kassiert – und das auch, weil die Stürmer mit verteidigen.

Vom Spielertyp her würde der lange Lokvenc (1,96 Meter) weder Bobic noch Wichniarek ähneln. Er würde eine weitere Variante im Angriff bedeuten. Und wenn Hertha einen großen Stürmer haben will, der kopfballstark ist, dürfte auch klar sein, dass der Verein für eine weitere Positionen suchen muss: für die Außenbahnen. Gute Flanken sind in dieser Saison bei Hertha so unregelmäßig zu sehen wie Tore von Bobic und Wichniarek. Ein Blumenstrauß ist bestimmt schon unterwegs. Irgendwo in Deutschland.

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