Sport : Der letzte Auftrag

Oliver Kahn dachte an einen Rücktritt aus der Nationalmannschaft. Dann siegte der Ehrgeiz – der Mann will 2006 Weltmeister werden

Karlheinz Wild

München. Als wäre es eine Trophäe. Diese Trophäe. Diese eine. Der World Cup. So hält Oliver Kahn den Ball zwischen seinen Torwart-Handschuhen. Soeben, es ist die 76. Minute im Spiel in Rostock, hat er einen eher harmlosen Schuss des Rostocker Verteidigers Gerd Wimmer aus etwa 25 Metern Ferne unter seiner Bauchwölbung verschluckt, festgeklammert mit den Fangarmen. Ein selbstverständlicher Arbeitsablauf im Berufsalltag des Torhüters Oliver Kahn. Und doch feiert der Weltbeste dieser Profession diesen Handgriff wie eine Besonderheit: Zärtlich drückt er seine Lippen auf den Ball. Ja, will er sich sagen, ich kann es noch. Ich bin tatsächlich noch in der Lage, 90 Minuten Dienst zu tun, ohne einen Gegentreffer genehmigen zu müssen. So wird ihm dieser 1:0-Sieg zur Selbstbestätigung, zur Beruhigung seiner Innenwelt.

Im Sommer, bei der Weltmeisterschaft in Japan und Südkorea, war Kahn zum King und Torwart-Titan geadelt worden, wegen unerschütterlichen Widerstands gegen die Sturmgewalten aus Irland, Paraguay, Amerika oder Südkorea. Im heimischen Herbst jedoch hat ihn die Kritik nach normalen Spielen mit Treffern für die Konkurrenz aus dem spanischen La Coruña oder dem italienischen Mailand oder dem deutschen Leverkusen hart zugesetzt. Jetzt will er demonstrieren: Seht her, Leute! Seht her, ihr Besserwisser und Denkmalschänder! Noch habt ihr mich nicht gestürzt. Noch bin ich nicht gefallen, auch wenn ich in diesem Moment auf dem Boden knie. Ich stehe wieder auf.

So war es immer bei Oliver Kahn: nach jenem 1:2 im Mai 1999, als er im Finale der Champions League diesen Sekundentod in der Nachspielzeit gegen Manchester United erdulden musste. 1:0, dann 1:2, nach dieser „Mutter aller Niederlagen", wie er selbst formuliert; ebenso nach jenem Tiefschlag im diesjährigen WM-Endspiel in Yokohama, wo Kahn einen aus rund 22 Metern daher holpernden Schuss Rivaldos wegprallen ließ von seiner so breiten Brust, hin vor Ronaldos Füße, 0:1. Wie gerne hätte er damals im Endspiel, das womöglich das Spiel seines Lebens war oder geworden wäre, den fixierten Ball hoch gehalten wie nun in Rostock; wie gerne hätte er als Kapitän der deutschen Delegation zum Happyend den Pokal entgegengenommen und dann geküsst wie nun den Ball in Rostock.

Der professionellste aller Profis

Die sich ähnelnden Bilder schließen den Kreis, der für Oliver Kahn ein Teufelskreis war: Mag dieser professionellste aller (deutschen) Fußballprofis auch schon wenige Stunden nach diesem Patzer sich eingeredet oder gar geglaubt haben, dass er diese Horror-Sekunden von Yokohama flugs aus seiner Vita gestrichen habe, weil er den dritten Tag, „da ist es immer am schlimmsten", wohlgemut überstanden hatte; mag er gehofft haben, dass er im Urlaub auf Sardinien den Erinnerungen entfliehen könnte. Vergebens. Die finale japanisch-brasilianische Vergangenheit hat Oliver Kahn noch nicht verarbeitet. Beim Bundesligaspiel in Nürnberg Mitte September wurde ihm per Transparent vorgehalten, Deutschland sei nicht dank, sondern wegen Oliver Kahn Vizeweltmeister geworden. Es stellte sich also genau diese Reaktion ein, die Kahn befürchtet und vorausgesagt hatte: Vom bejubelten, vielleicht sogar geliebten Nationalelf-Kahn werde er wieder zum Bayern-Kahn. Ausgepfiffen, mit Gegenständen beworfen, zum Teil hasserfüllt attackiert.

Wiewohl er mit diesen Erscheinungen gerechnet hatte, so haben sie ihn doch getroffen. Als sein Vater Rolf nach der Rückkehr aus Asien auf dem Frankfurter Flughafen seine Koffer verstaute, hatte er auch die Hoffnung im Gepäck, „dass Oliver nun in Deutschland einen Stellenwert hat wie Boris Becker“. Nicht der Boris Becker dieser Tage, der respektlos über den Boulevard getrieben wird; sondern jener, der als Tennisspieler und auch als Mensch mit allen seinen Schwächen und Temperamentsausbrüchen angehimmelt und geliebt wurde. Als Oliver jüngst in Leverkusen den Bayer-Stürmer Thomas Brdaric mit einem Griff an den Nacken in kurzzeitige Todesängste stürzte – sagte jedenfalls Brdaric – , sah Papa Kahn die ungewollte Parallele zu Michael Schumacher: auch jener ein Außenseiter in Deutschland, auch jener beneidet.

Nun ist jedem selbst überlassen, ob er die in stetem freundlichen Grinsen ausufernden Züge des weltbesten Autofahrers lieber mag als das zuweilen mürrisch-aggressive Gesicht des weltbesten Torwarts; sicher ist: Der Liebling der Massen wird Oliver Kahn ohnehin nie. Er wird vor allem geachtet wegen seiner außerordentlichen beruflichen Leistungen. Zur Maximierung dieser Leistung „konstruiere ich mir das eine oder andere Feindbild", sagt Kahn. Vordergründig seien solche negativen Kopfgeburten sinnlos, „aber mir helfen sie, um immer wieder Motivation zu haben". So puschte sich Kahn im entscheidenden Vorrundenspiel der WM gegen Kamerun (2:0) damit auf, dass sich sein Vater bei negativem Ausgang nicht mehr in der Karlsruher Freizeitfußballgruppe hätte blicken lassen können: Bei diesen Hobbykickern mischt auch der Karlsruher Sportarzt Dr. Löhr mit, der in der Kameruner Crew um Trainer Winfried Schäfer mitwirkte. So wertete Kahn den Freistoß, den der exzentrische paraguayische Torhüter Chilavert nach der Pause im Achtelfinale gegen Deutschland trat (weit übers Tor) als persönliches Duell – „der wollte mich vernichten".

Derartige Mechanismen griffen nicht mehr, als Kahn zum Bundesligastart in Mönchengladbach von den Borussen-Fans als einer der Ihren empfangen wurde. Sicherlich lag es aber nicht daran, dass Kahn plötzlich keine unhaltbaren Bälle mehr abwehrte, wie er es bei der WM als Selbstverständlichkeit und mit viel Fortune erledigt hatte. Nun fehlte ihm dieses Glück des Tüchtigen – in seiner Rolle des Einzelkämpfers, als der sich der Torhüter Kahn sowieso sieht und in jenen Wochen beim neu programmierten FC Bayern umso mehr: Ein attraktives, offensives Kunstprodukt sollte der Münchner Fußball 2002/03 sein, immer forsch offensiv, und hinten steht Olli allein zu Haus.

Verdammt steile Stufen nach unten

Gegen ungehindert anspurtende Stürmer oder Schüsse aus nächster Nähe hat auch Kahn nicht immer ein Gegenmittel. Die für seine Ansprüche zu vielen Gegentreffer quälen ihn. Und wenn er seine Quote als normal erachtet und auch keinesfalls schlechter geworden ist, so nagt in ihm doch der Gedanke, wie es denn wird, wenn er nicht mehr so gut ist wie früher. Er weiß, dass „die Stufen nach unten verdammt steil“ sind. Gerade, wenn man ganz oben thront wie er.

Oliver Kahn beschäftigt sich intensiv mit psychologischen Prozessen, und er macht sich dadurch auch umso größeren Druck, der für ihn „viel mit Versagensängsten zu tun hat". Bei jedem, auch bei ihm. Daraus saugt er seine Motivation. Deswegen will er definitiv weitermachen bis zur WM 2006, obwohl er vorübergehend auch einen vorzeitigen Abschied aus der Nationalelf erwogen hatte. Dieses psychische Zwischentief hat er vertrieben. Kahn macht weiter. Kahn muss weitermachen, das ist er seinem Ego schuldig. Er hat noch einen Auftrag zu erledigen. Der Meinung, er habe bei der WM 2002 seine bestmögliche Leistung gezeigt, mag er nicht folgen. Ihn treibt nun der Glaube und vor allem der Ehrgeiz, „dass ich noch besser werden kann“. Rhetorisch fragt Kahn: „Warum soll ich den Zenit meiner Leistungsfähigkeit nicht erst bei der WM 2006 in Deutschland erreichen?“ Dann wäre alles verarbeitet. Wie nach dem Verlust der Champions League 1999, die zwei Jahre später doch gewonnen wurde. Erst da hatte Kahn seinen inneren Frieden wiederhergestellt.

Der Autor ist Chefreporter beim „Kicker“.

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