Sport : Der Mann an der Schwelle

Seine Existenz ist ein Malheur, er ist der Unsicherheitsfaktor einer Mannschaft: der zweite Torwart

Wolfram Eilenberger

Eine Torwartdiskussion schadet jeder Mannschaft, besonders einer deutschen. Mag es in Sachen Gefühl und Ästhetik noch so hapern, über die Qualität unserer Torhüter herrscht seit Menschengedenken globales Einvernehmen. Die taugen was, ligaweit. Recht bedacht, gibt es innerhalb des deutschen Fußballs deshalb nur ein einziges Thema, das sich noch verheerender auswirkt als eine Diskussion um den Torwart. Und das ist eine Diskussion um den zweiten Torwart. Wie ein böses Virus ist solch eine Diskussion in der Lage, binnen weniger Tage ganze Mannschaften hinzuraffen. Aus dem Londoner Exil eingeschleppt, breitet sie sich derzeit mit rasanter Geschwindigkeit in der Bundesliga aus.

Dortmund wurde bereits im Winter geimpft (Weidenfeller-Warmuz), Bayern (Kahn-Rensing) ist wohl infiziert, Wolfsburg (Jentzsch-Ramovic) offensichtlich geschwächt, Gladbach (Stiel-Reitmaier) steht kurz vor dem Fall, und was in naher Zukunft aus Hertha (Fiedler-Kiraly) wird, vermag wieder einmal niemand zu prognostizieren. Für die deutsche Nationalmannschaft schließlich ist die Frage nach dem zweiten Torwart zweifelsfrei die Schicksalsfrage des kommenden Sommers.

Festzuhalten ist zunächst, dass der zweite Torwart die anforderungsreichste, widersprüchlichste und undankbarste Position ist, die sich denken lässt. Sein Dasein kennzeichnet eine Verlängerung und Verdichtung eben jener psychischen und physischen Qualen, an denen schon ein erster Torwart allzu leicht zu Grunde geht. Während der erste Torwart permanent auf jenem kreideweißen Linienabgrund tänzelt, der den Helden vom Idioten sondert, und nur dann entscheidend in Aktion tritt, wenn bereits im Vorfeld schwer wiegende Fehler begangen wurden, ist das Schwellendasein der zweiten Nummer 1 ein ungleich weniger exponiertes und deswegen verzweiflungsreicheres. Seine fußballerische Funktion besteht im Wesentlichen darin, hoffentlich nie benötigt zu werden. Sollte er wider frohe Erwartung allerdings doch zum Einsatz kommen, ist es ihm aufgrund seiner Rolle schlicht unmöglich, auszustrahlen, was von jedem Meister seiner Zunft erwartet wird: unbedingte Sicherheit. Weder verfügt er selbst über diese Sicherheit, noch vermag er sie glaubhaft zu vermitteln. Seine Existenz ist ein einziges Malheur, er ist der Unsicherheitsfaktor par excellence.

Das Übel, das er ist, beginnt aber nicht erst auf dem Platz. Welch heikles Raunen geht durch die Ränge, wenn der zweite Torwart nach seinen Handschuhen nestelt. Die Kinder zeigen mit dem Finger auf ihn, und die Väter nicken besorgt. Aufgrund der torwarttypischen Sicherheitsillusion, die ein Trainer mit allen Mitteln zu wahren hat, darf sich ein zweiter Torwart deshalb noch nicht einmal adäquat aufwärmen. Ihm, dem unbestrittenen König der Bankdrücker, bleibt verwehrt, was noch der unbedeutendsten Ersatzkraft problemlos gestattet wird. In den seltenen, karriereentscheidenden Minuten seiner Bewährung wird ein zweiter Torwart deshalb immer eiskalt ins eiskalte Wasser geworfen.

Es gehört wohl zu den erniedrigendsten Aspekten seines Daseins, dass man ihm jeden Fehler zu verzeihen pflegt – um ihm beim nächsten Mal erneut unberücksichtigt zu lassen. Bereits seine bloße Erwähnung in der Presse nährt tiefste Fanängste, so dass als Fußballregel weltweit gilt: Eine Mannschaft, deren zweiter Torwart im Gespräch ist, steckt fürchterlich in der Krise. Und diese triste Wahrheit gilt auch für den zweiten Torwart selbst. Denn ein zweiter Torwart, den man genau beim Namen kennt, war früher ein erster Torwart. Um zu werden, was er heute ist, muss er also Übles angestellt haben.

So wie der Torwart notwendig ein Außenseiter unter den Feldspielern bleibt, ist der zweite Torwart ein Außenseiter unter den Ersatzspielern. Als einziger Spieler auf der Bank, dessen Unersetzlichkeit außer Frage steht, wird seine Einsatzzeit von keinem Vertragsamateur unterboten. Dass er ungeachtet dieser Aktionslosigkeit die volle Prämienvergütung erhält, macht ihn im Kreise seiner Ersatzkameraden natürlich nicht sympathischer.

Die eigentliche soziale Höchstanstrengung aber wird dem zweiten Mann im Verhältnis zu seiner Nummer 1 abverlangt. Wie gerne liest man, die beiden Torhüter pflegten ein glänzendes Verhältnis und verstünden sich auch privat unheimlich gut. Beteuerungen von der Glaubwürdigkeit eines Porno-Sternchens, sie bekomme beim Dreh regelmäßig einen Orgasmus. Als beispielhafte Profiverkörperung all derer, die nicht da sind, wo sie eigentlich hinwollen, wirkte ein offenes Bekenntnis seiner abgrundtiefen Abneigung allerdings unmittelbar teamzersetzend. Es darf unter keinen Umständen geduldet werden. Weshalb es für einen Teamchef auch nur ein einziges Problem gibt, das seine Arbeit konkreter gefährdet als ein offen rebellischer zweiter Torwart: Das ist ein völlig zu Recht offen rebellischer zweiter Torwart.

0 Kommentare

Neuester Kommentar