Sport : Der Minister greift ein

Otto Schily macht sich für die deutschen Vielseitigkeitsreiter stark – sein Engagement ist wohl vergebens

Benedikt Voigt[Athen]

Am Sonntagabend versuchte der Innenminister, bei den Olympischen Spielen in Athen zwei Goldmedaillen zu holen. Oder besser: zurückzuholen. Otto Schily sprach beim Treffen mit dem Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), Jacques Rogge, auch über die deutschen Vielseitigkeitsreiter. „Ich finde es schade, dass die Gegner nicht darauf verzichtet haben, formale Fragen eines Wettbewerbs zu prüfen, in dem unsere Equipe die beste Leistung gezeigt hat“, sagte Schily. Rogge aber habe sich einer Wertung enthalten. „Er war sehr zurückhaltend.“

Der Vorstoß des Innenministers hat auch nichts mehr geholfen. Am Montag folgte das Exekutivkomitee des IOC der Entscheidung des Internationalen Sportgerichtshofs und erkannte den deutschen Vielseitigkeitsreitern die beiden Goldmedaillen ab, die sie am Mittwoch gewonnen hatten. Die deutsche Olympiamannschaft fiel im Medaillenspiegel mit acht Goldmedaillen hinter Frankreich auf Platz sechs zurück. Nun ruhen die deutschen Hoffnungen auf einem Vorstoß der Internationalen Reiterlichen Vereinigung (FEI). Sie möchte beim IOC erreichen, dass zwei zusätzliche Goldmedaillen vergeben werden, die dann wieder die deutschen Reiter erhalten sollen.

In Salt Lake City hatte das IOC im Eiskunstlaufen nach einem Bestechungsskandal dem kanadischen Paar Jamie Sale und David Pelletier nachträglich Goldmedaillen zuerkannt. Der NOK-Vizepräsident Dieter Graf Landsberg-Velen beurteilt die Chancen dieses FEI-Vorstoßes skeptisch. „Hier gab es kein unlauteres Verhalten der Richtergruppe“, sagte der Ehrenpräsident der Deutschen Reiterlichen Vereinigung, „sie hat einfach nur zwei Fehler begangen.“ Er hoffe aber, dass das IOC die Sportler nicht so hart leiden lasse. Der deutsche Reiter Hinrich Romeike hatte am Sonntag bereits gefordert, zusätzliche Medaillen zu verleihen. IOC-Sprecherin Giselle Davies beurteilte die Chancen dafür als nicht besonders gut. „Die Medaillen folgen dem Ergebnis“, sagte sie.

Das heißt seit der CAS-Entscheidung vom Samstag: Deutschland belegt im Vielseitigkeitsreiten mit der Mannschaft Rang vier, Bettina Hoy im Einzel nur Rang neun. Romeike hatte zwar angekündigt, sein Gold nicht mehr zurückgeben zu wollen. „Aber dieser Fall wird nicht eintreten“, sagte Klaus Steinbach, Präsident des Nationalen Olympischen Komitees (NOK), „seine Rede war sehr emotional, aber das gestehe ich ihm auch zu.“ Es ist nun Aufgabe des NOK, die Medaillen einzusammeln und zurückzugeben.

Neben den deutschen Reitern geht auch die Internationale Reiterliche Vereinigung bestraft aus dem Duell der Anwälte hervor. Das CAS hatte die Entscheidung ihres Berufungskomitees wegen eines Formfehlers verworfen. Dieses hatte den Deutschen die Medaillen zuerkannt, weil die deutsche Reiterin Bettina Hoy nicht für Fehler bestraft werden könne, die die Turnierleitung begangen hat. Die Ground Jury hatte es versäumt, die Zeitmessung zu starten, als die deutsche Reiterin zum ersten Mal die Startlinie überquerte. In einer Mitteilung verteidigt der Verband seine ursprüngliche Wertung. „Die FEI möchte betonen, dass die Entscheidung des Berufungsgerichts auf dem Geist des Fair Plays beruhte.“ Die protestierenden Nationen sehen das anders. „Die jetzige Entscheidung ist gerecht“, sagte der französische Reiter Nicolas Touzaint, der nachträglich die Goldmedaille im Mannschaftswettbewerb erhalten wird. „Wir sind der Meinung, dass sich alle an die gleichen Regeln halten müssen.“ In Athen hatte Touzaint vor der Siegerehrung Bettina Hoy den Handschlag verweigert. „Es bedrückt mich, wenn sich eine Auseinandersetzung der NOKs auch auf die Reiter niederschlägt“, sagte Landsberg-Velen. Der australische Vielseitigkeitsreiter Andrew Hoy, der mit Bettina Hoy verheiratet ist, beklagt das neue feindliche Verhältnis. „Personen, mit denen ich seit 20 Jahren freundschaftlich verbunden bin, sprechen nicht mehr mit mir.“ Das nächste Mal werden die Reiter bei der Europameisterschaft 2005 aufeinandertreffen. Landsberg-Velen hofft, dass sich das Verhältnis bis dahin wieder gebessert hat: „Irgendwann ebben die Emotionen auch wieder ab.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar