Sport : Der nächste Trauertag

Eine Woche nach dem Indycar-Piloten Wheldon verunglückt der Motorradfahrer Simoncelli tödlich

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Berlin - Die Glocken der Kirche in St. Petersburg im US-Bundesstaat Florida waren gerade verklungen, als der Motorsport vom nächsten Trauerfall heimgesucht wurde. Am Samstag war der britische Indycar-Pilot Dan Wheldon eine Woche nach seinem Unfalltod beigesetzt worden. Nur wenige Stunden nach dem öffentlichen Abschied von Wheldon starb der italienische Motorradfahrer Marco Simoncelli beim WM-Lauf in Malaysia. „Das ist sehr traurig und tragisch, da fehlen einem die Worte“, sagte der deutsche Motorradpilot Stefan Bradl, „er war ein lustiger und netter Typ.“

Dabei hatte es ein Feiertag in Sepang werden sollen, vor allem für Bradl. Der Zahlinger wollte in der Moto2-Klasse den ersten WM-Titel eines deutschen Piloten seit Dirk Raudies 1993 einfahren. Bradl schaffte es nicht ganz, obwohl sein großer WM-Rivale Marc Marquez aus Spanien nach seinem Trainingsunfall Startverbot bekam. Der Deutsche hätte gewinnen müssen, lag aber hinter dem Schweizer Tom Lüthi nur auf Rang zwei, als das Rennen zwei Runden vor Schluss wegen des schweren Unfalls von Axel Pons aus Spanien abgebrochen wurde. Bradl ärgerte sich über den verpassten vorzeitigen Titelgewinn im vorletzten Saisonlauf, doch eine Stunde später interessierte ihn sein eigenes Rennen „absolut gar nicht“ mehr.

Bradls Frust verblasste jäh angesichts der Ereignisse im anschließenden Rennen der MotoGP-Klasse. Am Ende der ersten Runde verlor Marco Simoncelli die Kontrolle über seine Maschine. Der 250-ccm- Weltmeister von 2008 schlidderte mit seinem Motorrad quer über die Strecke. Der nachfolgende Alvaro Bautista konnte noch ausweichen, doch Colin Edwards und Simoncellis Freund und Mentor Valentino Rossi trafen ihn mit voller Wucht. Dabei wurde Simoncellis Helm abgerissen und rollte ins Gras. Das Rennen wurde danach abgebrochen und nicht mehr neu gestartet.

Der Unfall erinnerte fast alle Augenzeugen sofort an den tödlichen Crash des Japaners Shoya Tomizawa, der vor einem Jahr in Misano ebenfalls regelrecht überrollt worden war. Eine schmerzhafte Stille senkte sich über die Strecke vor den Toren Kuala Lumpurs. Die Piloten verkrochen sich in ihre Boxen und warteten geschockt auf Informationen über Simoncellis Zustand. In der Box des Unfallopfers weinte seine Freundin in böser Vorahnung hemmungslos, ehe sie sich mit den Teammitgliedern vor dem Medical Center versammelte, um schließlich die traurige Nachricht in Empfang zu nehmen. Knapp eine Stunde nach dem Unfall gaben die Ärzte den Kampf um das Leben des 24 Jahre alten Italieners mit dem charakteristischen Lockenkopf auf. Streckenarzt Michele Macchiagodena berichtete von sehr ernsten Verletzungen in Kopf-, Nacken- und Brustbereich. Im italienischen Sport wurde daraufhin am Sonntag eine Schweigeminute für Simoncelli abgehalten.

Simoncellis Tod beschließt eine dunkle Woche für den Motorsport. Sie hat allen Beteiligten auf grausame Weise vor Augen geführt, dass die tödliche Gefahr niemals ganz zu bannen sein wird. Zwar sind vor allem in der Formel 1 dank des Einsatzes des früheren Fia-Präsidenten Max Mosley umfangreiche Verbesserungen durchgeführt worden. Sebastian Vettel konnte seinen zweiten WM-Titel in seiner Heimatstadt Heppenheim auch deswegen so ausgelassen feiern, weil seine Rennserie seit 1994 vom Tod verschont blieb. Und auch in der Motorradweltmeisterschaft unternimmt der Weltverband Fim seit längerem große Anstrengungen, die Sicherheit zu verbessern. Die Strecken sind inzwischen von riesigen Kiesbetten umgeben, die das Rasen in die Streckenbegrenzung fast unmöglich machen.

Eine Auslaufzone hätte womöglich Dan Wheldons Leben gerettet. Er war beim Indycar-Rennen in Las Vegas im Zuge eines Massencrashs von 15 Rennwagen mit fast 360 km/h in den Fangzaun geflogen, der direkt am Streckenrand stand. Doch eine Änderung ist hier nur durch eine grundsätzliche Diskussion über das nur noch in den USA betriebene Fahren in Ovalen denkbar. Diese Relikte aus den Anfangstagen des Motorsports sind als Stadien konzipiert, in denen die Piloten wie Roulettekugeln mit Geschwindigkeiten von bis zu 390 km/h nur Zentimeter von Konkurrenten und Betonmauern entfernt im Kreis fahren.

In der kommenden Saison sollen immerhin die Hinterräder der Indycars mit einer Art Stoßfänger geschützt werden, um bei einem Auffahrunfall das Abheben eines Wagens wie in Wheldons Fall zu verhindern. Eine schützende Glaskuppel über dem Kopf der Piloten wird ebenfalls diskutiert, wie in der Formel 1 ist eine Realisierung allerdings noch nicht abzusehen.

Aber ob Oval, Rundstrecke oder Stadtkurs – eine Gefahrenquelle lässt sich in keiner Rennserie der Welt wirklich ausschalten: das Rasen im Pulk. Beim Kampf Rad an Rad ist der Tod immer dabei; wer verunfallt und zurück auf die Strecke geschleudert wird, wird zum hilflosen Passagier wie Simoncelli in Sepang. Die Motorradfahrer sind durch Protektoren am Rücken geschützt, die meisten Unfälle gehen dadurch glimpflich aus. Doch der Hals- und Nackenbereich, der beweglich sein muss und deswegen nicht abgedeckt werden kann, bleibt der neuralgische Punkt.

In zwei Wochen fahren die Motorradpiloten trotzdem wieder, diesmal in Valencia. Sie werden die Gedanken an die Gefahr verdrängen, das gehört zum Anforderungsprofil des Berufs. Auch Stefan Bradl wird dann nicht mehr an Marco Simoncelli denken, sondern nur noch an die Zahl 13. Beim letzten Saisonrennen reicht ihm dieser Platz zum Titelgewinn. „Wenn alles normal läuft, ist es kein großes Thema mehr“, sagt der 21-Jährige, „aber was läuft schon normal?“ Am Ende der tragischen Woche bleibt dem Rennsport wie immer nur die fatalistische Einschätzung, die auf jeder Eintrittskarte steht: Motorsport ist gefährlich. (mit dpa, sid)

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