Sport : Der natürliche Sprinter

Der neue 100-Meter-Weltmeister Kim Collins aus der Karibik pflegt sein Image als Exot der Leichtathletik

Frank Bachner

Paris. Vielleicht hat Kim Collins bei seiner Einreise am Flughafen von Paris ja seinen Diplomatenpass gezückt. Seine Exzellenz Mr. Kim Collins vertritt offiziell den ehrenwerten Staat St. Kitts und Nevis hätten die Grenzbeamten dann gelesen. Und Collins hätte dann gerne erklärt, dass St. Kitts and Nevis zwei Karibikinseln umfasst, 300 Kilometer südöstlich von Puerto Rico gelegen, St. Kitts, die größere der Inseln, 30 Kilometer lang und an seiner breitesten Stelle acht Kilometer breit ist. Aber eigentlich ist Collins gar kein richtiger Diplomat, er ist Sprinter, er hat sogar 2002 das 100-m-Finale der Commonwealth-Spiele gewonnen. Danach überreichte der Generalgouverneur ihm auf St. Kitts feierlich den Diplomatenpass. Sie übergaben ihm noch den Schlüssel zu einem Haus, und eine Straße haben sie auch nach ihm benannt.

Jetzt aber wird es schwierig. Was soll man Kim Collins noch schenken? Am Montag ist er Weltmeister über 100 m geworden, in 10,07 Sekunden, hauchdünn vor dem sensationell stark laufenden 18-jährigen Darrel Brown (Trinidad, 10,08) und Darren Campell (Großbritannien/10,08). Er hatte sich in ein riesiges Tuch gehüllt und so der Welt gezeigt, wie die Nationalflagge von St. Kitts and Nevis aussieht. Und die 40 000 Fans im Stade de France feierten diesen Überraschungssieger, der in seiner Euphorie nicht an Geschenke dachte, sondern nur daran, dass jetzt bei ihm zu Hause alle 40 000 Einwohner Party feiern. „Oh, Mann, ihr könnt euch gar nicht vorstellen, was da unten jetzt los ist. Die feiern wochenlang, und sie warten auf mich.“

Soll er vielleicht weniger feiern, nur weil er die schlechteste Siegerzeit in einem WM- Finale gelaufen ist? 1983 gewann Carl Lewis, ebenfalls mit 10,07 Sekunden. Oder weil der dreimalige Weltmeister Maurice Greene reichlich theatralisch seine Halbfinal-Pleite inszenierte und mit steifem linken Fuß davonhumpelte, nachdem er hinterhergerannt war, und im Finale fehlte? Kim Collins dachte ja gar nicht daran. „Jeder hatte die gleiche Ausgangsposition. Und mit 10,07 Sekunden wirst du das eine Mal Weltmeister und das andere Mal Olympiasechster.“ Außerdem ist er auch noch WM-Dritter von 2001 über 200 m.

Hoffentlich baut die Regierung auf der Insel nach diesem Erfolg endlich eine vernünftige Tartanbahn, sagt Collins. Bis jetzt gibt es dort nämlich nur einen unebenen Rasenplatz. Collins macht mit verdrehten Augen heftige Wellenbewegungen mit seiner Hand, es muss sehr uneben sein. Deshalb gibt es ja auch keine organisierte Leichtathletik auf der Insel. Collins ist als Junge und als Jugendlicher einfach so gerannt. Am Strand, auf den Straßen, wo immer. Seine zehn Geschwister dagegen „waren furchtbar faul. Sie sind es immer noch.“ Collins ist „ja eigentlich auch ziemlich faul“, aber noch so ehrgeizig, dass er 1995 und 1996 nach Jamaica zum Trainieren ging. Er wollte nun ernsthaft Sprinter werden. Aber auf Jamaica entwickelte er sich nicht weiter, also übersiedelte er 1998 nach Arizona, lebt jetzt in Texas.

Er ist jetzt nur noch vier Monate im Jahr auf St. Kitts. Aber dort lebt er prächtig. Einer seiner Kumpel besitzt einen Pub in Basseterre, der Hauptstadt, und bei ihm darf Collins lebenslang umsonst essen und trinken. Er nützt das mächtig aus, sagt er. Es passt zu seinem Lebensstil. Collins trainiert genau so viel wie nötig, um vorne mitlaufen zu können. Aber er rührt kaum eine Hantel an. Irgendwann mal verletzte er sich beim Krafttraining, seither meidet er Krafträume. Man sieht es ihm an. Er ist zwar 1,75 m groß, aber gerade mal 64 kg schwer. Ein Hänfling neben den Kraftpaketen Greene, Ato Boldon, Dwain Chambers oder Jon Drummond. Na und? „Ich bin der einzige natürliche Sprinter“, sagt Collins. „Alle anderen sind gemachte Sprinter.“ Was genau er damit meint, möchte der Diplomat dann lieber doch nicht sagen.

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