Sport : Der olympische Improvisationsgeist

Die Athener sind trotz aller Schwierigkeiten optimistisch, dass in zwei Jahren die Spiele in ihrer Stadt ein Erfolg werden

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Von Erik Eggers

Athen. In den vergangenen zwei Jahren hat sich kaum etwas verändert. Nur brüchiger ist alles geworden. Das Unkraut hat weiterhin wenig Mühe, sich durch die Ritzen des baufälligen Betons zu kämpfen. Der Gang der Säulen, die den nordwestlichen Eingang des „olympischen Komplexes“ zieren sollen, ist mit Graffiti verschmiert, und große Teile der einst weißen Grundfarbe können sich nicht halten. In zwei Jahren sollen hier die Olympischen Spiele stattfinden.

Es hat offenbar triftige Gründe, dass Journalisten, die natürlichen Feinde der griechischen Olympiaorganisatoren, das große Gelände im Athener Norden zurzeit nicht betreten dürfen. Die zuständigen Leute des Organisationskomitees sagen am Telefon, es sei „wegen der Bauarbeiten geschlossen“.

Doch wo sind die Bauarbeiter, wo ist die große Baustelle? Nur selten donnern mit Kies beladene LKWs über das Gelände, über dem in zwei Jahren eine futuristische Dachkonstruktion des spanischen Stararchitekten Santiago Caltatrava hängen soll. Noch ist indes kaum vorstellbar, dass dieses Areal Mitte August 2004 den größten Teil der Athleten und Besucher beherbergen soll. Überall liegt verrostetes Eisen, wilder Wein überwuchert viele Zäune. Auf dem Nebengelände, dort, wo sich die Leichtathleten einmal aufwärmen sollen, ist eine grünbraune Steppe. Das angrenzende Gebäude verfällt, die Fenster sind keine mehr, ihnen fehlen Glas und Rahmen. Vom Grün umzingelt, steht einsam eine Hürde vor dem Trainingsbereich. Ein Bild mit Symbolkraft.

Im 1982 erbauten Olympiastadion, das seit Jahren auf Vordermann gebracht werden soll, finden sich tatsächlich ein paar Bauarbeiter. Sie demontieren in gemächlichem Tempo die ersten Sitzschalen, und von Zeit zu Zeit hallen Hammerschläge durch das Rund. In der Schwimm-Arena tut sich dagegen nichts. Die beiden Becken sind umrankt von roten Zäunen. Etwa 20 Zentimeter hoch steht darin das Wasser, nein, es ist kein Wasser, es ist eher Sud. Das Velodrom ist ebenfalls noch nicht modernisiert, die Bahn ist braun, die Sitzschalen sind teilweise zerbrochen, und dort wo Eisen ist, ist meist auch Rost. Allein die Basketballarena, 1995 fertig gestellt, erfüllt weitgehend die Maßstäbe. „Die Fortschritte sind sichtbar“, hat der Schweizer Denis Oswald bei einem Besuch im April festgestellt. Oswald kontrolliert für das Internationale Olympische Komitee (IOC) den Fortlauf der Vorbereitungen. Den olympischen Komplex kann er eigentlich nicht gemeint haben.

Immer noch ist nichts fertig. Seit einem Jahr wird am „International Braodcasting Center“ und am Pressezentrum gebaut. Dort ragen immerhin Stahlträger in den Himmel, und es ist zumindest denkbar, dass es in zwei Jahren fertig ist. Das gilt auch für das olympische Dorf, das momentan am Fuße des Parnitha, dem Hausberg Athens, schneller als erwartet entsteht. Der Ort ist für die Stadtentwickler Athens ein geradezu revolutionäres Projekt, handelt es sich doch um das erste geplante Viertel der Stadt.

Es sind diese Fortschritte, die von den IOC-Kommissaren gelobt werden. Gleichzeitig aber nannte Gilbert Felli, der Stellvertreter Oswalds, in verklausulierter Form die nach wie vor bestehenden Probleme. Zum Beispiel das der Unterbringung. Es ist immer noch unklar, wo die Journalisten und Touristen im August 2004 wohnen sollen – obwohl nahezu jedes größere Hotel zurzeit unter Baugerüsten verschwindet. Aber selbst wenn mehr als 13 000 Besucher auf Kreuzfahrtschiffen im Hafen von Piräus logieren werden, wird es für viele Gäste wohl nur eine Möglichkeit geben: sich in Privatwohnungen einzuquartieren. Eine recht obskure Vorstellung für die meisten Einheimischen.

Auch die Transportfrage bleibt heikel. Vieles wird davon abhängen, wie viele Athener in zwei Jahren dem heißen August entfliehen. Bleiben viele Athener in der Stadt, dann droht das tägliche Chaos. Die Transporte können in diesem Fall nur funktionieren, wenn die Athener, wie der griechische Kulturminister Evangelos Venizelos gesagt hat, „im August 2004 das Autofahren vergessen“.

Aber so groß die Probleme sein mögen – die improvisationsfreudigen Griechen bleiben optimistisch. Wenn auch nicht alles fertig wird, sagen sie, die Spiele finden doch statt. Vielleicht wird es ja wie 1896 bei den ersten Spielen der Neuzeit. Damals wurde das Panathenäische Stadion nicht rechtzeitig fertig, und nur vier Zuschauerränge wurden wie geplant in Marmor ausgeführt, der Rest aus Holz gezimmert und – damit es nicht auffiel – weiß gestrichen. Es ist keine kühne Prognose, dass IOC-Präsident Jacques Rogge Athen am Ende der Spiele nicht als die besten aller Zeiten bezeichnen wird. Aber vielleicht als die am besten improvisierten.

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