Sport : Der Reiz der Rückrunde

Herthas Trainer Jos Luhukay fordert vor dem Spiel in Regensburg mehr Dominanz von seinem Team.

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Verhaltener Applaus. Jos Luhukays Mannschaft hat sich eine gute Ausgangssituation im Kampf um den direkten Wiederaufstieg erarbeitet. In den verbleibenden 15 Punktspielen erwartet der Niederländer vor allem eine Steigerung im spielerischen Bereich. Foto: dpa
Verhaltener Applaus. Jos Luhukays Mannschaft hat sich eine gute Ausgangssituation im Kampf um den direkten Wiederaufstieg...Foto: dpa

So könnte Hertha spielen:



Kraft – Ndjeng, Lustenberger, Brooks, Holland (Bastians) – Kluge, Mukhtar (Knoll) – Allagui, Ronny, Sahar – Ramos.

Berlin - Ein Distanzschuss von Ronny, kurz vor Schluss. Ein Freistoß, eine Ecke, ein abgefälschter Ball, ein Eigentor des Gegners. Hertha BSC hat auf diese Art viele Spiele gewonnen in der Hinrunde, das hat zu Platz zwei und einem komfortablen Vorsprung auf die Nichtaufstiegsplätze gereicht. Aber es ist Jos Luhukay nicht genug. Als Siegesgrundlage sind dem Trainer eine stabile Ordnung defensiv und individuelle Klasse gepaart mit Moral und Glück offensiv zu ungewiss. Auch wenn das in der Zweiten Liga bisher für einen Aufstiegsplatz reichte. Luhukay will im zweiten Saisonabschnitt mehr. Er will Dominanz.

Der Aufstieg und drei Punkte heute beim Tabellenletzten Jahn Regensburg (13.30 Uhr) – so lauten die offiziellen Ziele. Luhukays eigentliches Ziel ist Perfektion. Das Bisherige reicht nicht, weiß er. „Festigkeit und Stabilität im Defensivverhalten sind die Basis für den Erfolg“, sagt der Niederländer, aber vor allem das Gerüst, um sich im Angriff mehr einzubringen. „Ich hoffe, dass wir offensiv noch zwingender werden, deutlicher Möglichkeiten herausspielen und abschließen.“

Luhukay weiß: In den verbleibenden 15 Saisonspielen werden sich viele Gegner noch weiter zurückziehen als bisher, wenn die Entscheidungen um Auf- und Abstieg nahen. Das bedeutet, dass viele Teams Hertha Spiel, Ball und Initiative überlassen. In der Folge muss Hertha besser mit dem Ball umgehen. Luhukay arbeitet täglich daran, sein Training zielt stets auch auf perfekte Ballannahme und -weitergabe in kürzester Zeit. „Dominanz ist nicht möglich ohne Ballbesitz“, lautet eine seiner Weisheiten. „Aber Ballbesitz bringt nichts ohne Effizienz.“ Er ist Fußballästhet, aber nicht um der Sache selbst, ihm geht es immer um den Erfolg, um den Torabschluss, um die Punkte. Da sind ihm zwei schnelle Pässe, die nach Ballgewinn zum Treffer führen, lieber als eine minutenlange Ballstaffette. Luhukay verkörpert sozusagen die Synthese aus klassisch holländischem und deutschem Fußballverständnis.

Verbessern, das weiß Luhukay, muss sich Hertha vor allem auf den letzten Metern vor des Gegners Tor. Sich vor dieser Zone den Ball endlos zuzuschieben, ohne Lücken zu reißen, bringt wenig. Bei Hertha wird es auf das letzte Drittel ankommen, das stets sehr umkämpft ist – auf dem Feld wie in einer Saison. „Das komplette Offensivtempo, die Handlungsschnelligkeit, die Entscheidungen müssen schneller werden, um die Qualität der Torchancen zu erhöhen“, sagt er.

Dabei nimmt er auch keine Rücksicht auf Namen. Die prominenten Rückkehrer werden heute in Regensburg vorerst noch nicht spielen. „Körperlich haben wir sie fast schon so weit“, begründet Luhukay. „Aber in Details sehe ich technisch und taktisch noch Rückstände.“ Maik Franz und Pierre-Michel Lasogga werden zunächst wohl nur auf der Bank sitzen, Peter Pekarik, Änis Ben-Hatira und Lewan Kobiaschwili haben es nicht einmal in den Kader geschafft. Vor allem für den 35-jährigen Georgier, zuletzt als Ersatzkandidat für den verletzten Peter Niemeyer im Mittelfeld gehandelt, ist es ein Fingerzeig, dass er sich anstrengen muss, um Luhukays Ansprüchen gerecht zu werden. Ein 17-Jähriger wie Hany Mukhtar, ähnlich wie Luhukay als Spieler mit niedrigem Körperschwerpunkt, schneller Drehung und viel Ballgefühl ausgestattet, kommt dem Trainerideal wohl näher und könnte in Regensburg beginnen.

Das alles ist, obwohl noch niemand von der Bundesliga reden möchten, auch schon Grundlagenarbeit für Liga eins. Denn dort sind all diese Qualitäten noch in höherem Maße vonnöten als gegen bisweilen arg überforderte Zweitligaverteidiger. Luhukay denkt ohnehin langfristig. In Augsburg hörte er einst auf, weil er das Gefühl hatte, alles ausgereizt zu haben. Hertha muss daher fast schon hoffen, dass der Perfektionist Luhukay die Möglichkeiten in Berlin nur nahezu ausreizt, aber nicht ganz – um nicht irgendwann den Reiz zu verlieren.

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