Sport : Der Reiz des Augenblicks

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Benedikt Voigt über

die großen Pläne des VfB Stuttgart

Felix Magath wirkte etwas durcheinander, aber das kann man verstehen nach so einem Spiel. Bis in die letzte Sekunde hatte der Trainer des VfB Stuttgart zittern müssen um seinen Sieg. Vielleicht sagte Magath deshalb in seiner ersten Analyse diesen Satz: „Wir haben verdient gewonnen, auch in dieser Höhe.“ Nun ist es aber so, dass 2:1 nicht unbedingt der höchste Sieg ist, ja, es lässt sich sogar behaupten, dass es schwierig ist, im Fußball einen knapperen Sieg zu landen. Und deshalb muss man Felix Magath an dieser Stelle verbessern: Der Sieg hätte noch höher ausfallen müssen. Richtig gelesen, der Sieg des VfB Stuttgart über das Prominententeam von Manchester United hätte noch höher ausfallen müssen.

So weit ist es also schon gekommen. „Wir können sagen, der VfB hat eine Spitzenmannschaft“, sagt Felix Magath. Etwas anderes ließe sich über einen Klub auch schwerlich behaupten, der ohne Niederlage, ohne Gegentor die FußballBundesliga anführt und der in der Champions League gerade eines der ruhmreichsten Teams bezwungen hat. Doch nicht die Bilanz ist das Erfreulichste am VfB Stuttgart im Oktober 2003. Es ist die Art und Weise, wie der Verein Fußball spielt: schnell, mutig, emotional. Ja, auch so kann deutscher Fußball aussehen. Fast hatte man es vergessen, nach all den nüchternen Spielen der deutschen Fußball-Nationalmannschaft oder den ergebnisorientierten Auftritten des FC Bayern München in der Champions League. Die Begeisterung der jungen Stuttgarter Spieler ist ansteckend. Auch alternde Recken wie der Spielmacher Horst Heldt lassen sich zu ungeahnten Höchstleistungen ermutigen. Und die 40 000 Schwaben ließen sich zu einer lärmenden Meute umfunktionieren, wie es das Gottlieb-Daimler-Stadion letztmalig bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft 1993 erlebte. Auch Stürmer Kevin Kuranyi ließ sich mitreißen. Er sagte: „Aus dem VfB kann etwas Großes werden wie Real Madrid oder Manchester United.“

Doch genau das wird nicht eintreffen. Schon oft hat man das in Stuttgart geglaubt, schon oft ist man enttäuscht worden. Auch mit Jürgen Klinsmann oder später mit Fredi Bobic, Krassimir Balakow und Giovane Elber spielte der VfB offensiven und attraktiven Fußball. Der Klub schaffte es ins Uefa-Cup-Finale beziehungsweise ins Finale um den Pokal der Pokalsieger. Doch als Klinsmann oder Elber zum FC Bayern wechselten, hatten sich alle internationalen Ansprüche des VfB Stuttgart auch wieder erledigt. Es wird nicht so weitergehen wie am Mittwoch, so realistisch sollten sie in Stuttgart schon sein. Schon wecken Kevin Kuranyi, Aliaksandr Hleb und Andreas Hinkel die Begehrlichkeiten anderer Klubs. Genau deshalb sollte sich der VfB darüber freuen, was er geschafft hat. Und den Augenblick genießen.

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