Sport : Der richtige Reflex

Dariusz Michalczewski hört mit dem Boxen auf

Hartmut Scherzer

Berlin - Es ist ein weiser Entschluss: Dariusz Michalczewski, über ein Jahrzehnt lang Attraktion und Champion im deutschen Boxring, hat in seiner zweiten Heimat Hamburg mit 37 Jahren seinen Rücktritt erklärt. Der „Tiger“ hört auf. Endgültig. „Wenn nicht mehr alles stimmt, man nicht mehr 110 Prozent Power geben kann, dann muss man gehen – ohne Tränen“, sagt er. Es war auch höchste Zeit.

Der temperamentvolle Deutsch-Pole mit dem tierischen Kampfnamen hätte diese Entscheidung vielleicht schon im Herbst 2003 treffen sollen, als er den WBO-Titel im Halbschwergewicht nach neun Jahren an den Mexikaner Julio Cesar Gonzalez verlor. Denn schon in den Kämpfen davor hatte der so aggressive, willensstarke und überaus populäre Fighter viel einstecken müssen. Zu viel. Die selbstzerstörerischen Ringschlachten endeten mit verbeultem Gesicht, blutenden Wunden und verschwollenen Augen. Der Körper schien verbraucht, auch wenn er sich mit seinem Fleiß immer wieder in Form brachte. Aber die Reflexe ließen nach.

Ein Jahr lang grübelte der entthronte Champion über Rücktritt oder Rückkehr nach. In dieser schöpferischen Pause holte er das Abitur nach, kümmerte sich um seine Stiftung, eine Einrichtung, die Kinder durch Sport vor dem Abgleiten in die Kriminalität bewahren soll. Er bastelte an seiner geschäftlichen Zukunft: einer Beteiligung an einem Einkaufszentrum in seiner Geburtsstadt Danzig, einer Fitness-Studio-Kette „Tiger-Gym“ in Polen, seinen Immobilien. Er hätte ein Leben in Luxus führen können.

Doch es juckte wieder in den Fäusten. Es zog ihn zurück in den Ring. „Es ist eine Sucht“, gab er zu. Michalczewski sehnte sich geradezu nach der Quälerei im Training. Anstatt die Sache mit Gonzalez zu bereinigen, wie von Manager Klaus-Peter Kohl vorgeschlagen, musste es wieder ein Weltmeisterschaftskampf sein. Ein großes Risiko nach 16 Monaten Abstinenz vom Boxsport. Am 26. Februar dieses Jahres ging Michalczewski gegen den nur ein Jahr jüngeren WBA-Champion Fabrice Tiozzo aus Frankreich in der sechsten Runde k.o. Das Ende einer großen Karriere? Michalczewski wollte „darüber schlafen“. Neunzig Nächte später verkündete er nun seine Entscheidung.

Dariusz Michalczewski, der sich im Alter von 20 Jahren mit Frau und Kind nach Deutschland abgesetzt hatte, wurde als Amateur für Deutschland 1991 Europameister und noch im selben Jahr Profi. Michalczewski wurde zum Grundstein und zur Säule von „Universum Boxpromotion“. In seinem 24. Kampf gewann er durch einen Punktsieg über Leeonzer Barber aus den USA den WBO-Titel im Halbschwergewicht, den er bis zur Niederlage gegen Gonzalez im 49. Profikampf 23-mal erfolgreich verteidigte. Gegen den US-Amerikaner Virgil Hill gewann er zwischendurch auch die WM-Gürtel der Verbände WBA und IBF, gab die Titel aber kampflos zurück. Den dunkelsten Fleck seiner Laufbahn, den skandalösen Disqualifikationssieg über Graciano Rocchigiani, säuberte er im Rückkampf mit einem K.-o.-Sieg.

Der Multimillionär Michalczewski ist jetzt nur noch Geschäftsmann in seiner polnischen Heimat. Zu all seinen Geschäften gehört das Management junger Boxtalente. Einen Namen für das Unternehmen hat Dariusz Michalczewski schon: „Young Tiger“.

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