Sport : Der rote Kater

Ohne Schumachers Erfolge ist das Heimrennen in Monza eine ernüchternde Angelegenheit für die Ferraristi

Frank Bachner[Monza]

Angelo kramt in einer Sporttasche und zieht einen Handspiegel heraus. Er greift noch mal rein, eine Schere folgt. Neben Angelo steht Nina, seine Verlobte, sie starrt mit düsterem Blick auf Spiegel und Beutel. Sie weiß, dass Angelo hier, auf dem Campingplatz im Königlichen Park von Monza, aufs Ganze gehen wird. Er will seine Locken abschneiden, die Nina so liebt, direkt nach dem Rennen, dem Großen Preis von Italien (heute 14 Uhr, live bei RTL und Premiere). „Wenn Ferrari gewinnt, mache ich es“, sagt Angelo. Nina schluckt, Widerstand ist zwecklos. Für Angelo, den Ferrari-Fan aus Bergamo, geht es hier um die ganz großen Dinge. Mythos, Seelenheil, Größe. Um Ferrari. Seit Monaten leidet er. Ferrari fährt nur hinterher, Michael Schumacher, der siebenmalige Weltmeister, hat keine WM-Chance mehr. Aber in Monza, im Ferrari-Gebiet, da darf es für Fans wie Angelo einfach keine weitere Schmach geben. Wenigstens hier nicht. Er ist bereit, seinen Teil dafür zu leisten.

Monza, das ist Ferrari. Die Fahrer, die das Auto bewegen, sind auch wichtig, aber nicht so sehr wie die Marke. Für viele Fans jedenfalls. „Da könnte auch mein Großvater als Fahrer drin sitzen“, sagt Francesca Redaelli. Sie ist 25, kommt aus Monza, und für sie zählt „nur Ferrari“. „Ferrari ist wichtig“, sagt auch Monica Cassaniga in ihrem Verkaufsstand. Sie steht hinter mehreren Lagen Ferrari- T-Shirts und ihr Blick verdüstert sich. „Natürlich bin ich enttäuscht“, sagt sie. „Aber niemand gibt Michael Schumacher die Schuld. Es ist eine Sache von Ferrari.“ Sie hofft, dass sich das nicht auf den Umsatz auswirkt. Noch sei sie zufrieden.

Aber die Enttäuschung der Ferraristi ist unübersehbar, weil die einstigen Seriensieger nur noch um achte Plätze mitfahren. „Die Ferrari-Fans im gebeugten Gang“, schrieb die Zeitung „La Repubblica“. „Viele Fans verstehen nicht, warum Ferrari so viel Geld ausgibt und trotzdem keinen Erfolg hat“, sagt Alberto Antonini von der Zeitschrift „Autosprint“.

Die Ferrari-Krise verschärft eine andere Krise. In Monza verliert die Formel 1 seit längerem ihre Zuschauer. Mit 15 Prozent weniger Fans als 2004 rechnen die Veranstalter. 100 000 Zuschauer soll es am Wochenende geben, vor fünf Jahren noch waren es 165 000. 520 Euro für einen Tribünenplatz am Wochenende, 180 Euro für einen Platz in der Parabolica-Kurve, solche Preise zahlen immer weniger Leute. Zudem hat Monza als Kurs seinen Charme verloren. Steril, nüchtern, technisch, so wirkt der Grand Prix jetzt. Fans im Fahrerlager, Volksfeststimmung im Innenbereich, das war früher. „Monza hat in den letzten zehn Jahren seine Seele verloren“, sagt Antonini.

Und jetzt gibt nicht mal mehr Ferrari Halt. Schlimmer noch: Der Rennstall legt sich mit seinen treuesten Anhängern an. Jahrelang hatten viele der 350 Fanklubs das Ferrari-Logo auf ihre T-Shirts gedruckt, jetzt hat Ferrari ihnen das untersagt. Es gab einen wochenlangen heftigen Streit. „Die Fans empfanden das als Verrat“, sagt Antonini. „Sie haben jahrelang Ferrari unterstützt, und jetzt so etwas.“ Kurz vor dem Grand Prix wurde ein Kompromiss gefunden: Die Klubs dürfen den Schriftzug „Scuderia Ferrari“ auf die Shirts drucken. Ein Boykott des Rennens durch die Klubs war nie im Gespräch, dafür sind die Ferraristi zu fanatisch. Zum Rennen wollen sie mit dem größten Ferrari-Transparent anrücken, das es je gab.

Die Einigung ist nur Teil eines Kontrastprogramms, das Ferrari offensichtlich als Ablenkung von den miesen Resultaten lanciert. Taktisch geschickt erwähnte Ferraris Technikchef Ross Brawn am Freitagabend, dass Valentino Rossi in Zukunft regelmäßig für Ferrari testen soll. Rossi ist sechsmaliger Motorrad-Weltmeister, er ist ein Star in Italien, seine Rennen sind Quotenhits. Rossi hat schon ein paar Mal für Ferrari getestet, aber nur unregelmäßig. Doch der Motorrad-Champion hat dabei gute Ergebnisse geliefert. Zwei Tage vor dem Grand Prix in Monza wurde dieses Thema von den italienischen Zeitungen dankbar aufgegriffen und drängte so die Krise ein wenig in den Hintergrund.

Am Donnerstag eröffnete Ferrari-Präsident Luca di Montezemolo in Mailand den größten Ferrari-Shop in Italien. Am Tag zuvor war Montezemolo 58 Jahre alt geworden, und bei der Shop-Eröffnung sagte er: „Ich erwarte ein gutes Geburtstagsgeschenk.“ Damit meinte er nicht etwa einen Sieg, sondern einen Podestplatz. „Aber das wir schwer.“

Auch Michael Schumacher glaubt angesichts seines sechsten Startrangs nicht wirklich an einen Platz auf dem Treppchen. Es hat eine besondere Note, dass der Weltmeister seinen Titel ausgerechnet in Monza endgültig verlieren könnte. Die Frage, ob er auch über 2006 hinaus bei Ferrari bleibt, bekommt daher eine neue Brisanz. Montezemolo schloss jedenfalls einen Teamwechsel rigoros aus: „Michael wird seine Karriere bei Ferrari beenden. Das ist hundertprozentig so.“ Der Chef weiß, dass es der Deutsche war, der der verblassenden Traditionsmarke nach langen Jahren ihren Glanz zurückgegeben hat. Trotzdem hat sich Schumacher offenbar nicht in die Herzen der Fans gefahren. „Er genießt großen Respekt“, sagt Francesca Redaelli. „Aber dass er auch nach sieben Jahren bei Ferrari nur Englisch spricht, kommt nicht so gut an.“ Für sie jedenfalls ist die Frage nach der Zukunft des Deutschen eine nüchterne Angelegenheit. „Wenn ein starker Fahrer nachkommt, der Weltmeister werden kann, dann hält sich die Trauer in Grenzen.“

Auf dem Campingplatz hat Angelo Spiegel und Schere wieder verstaut. Nina blickt zufriedener. Sie hat wohl nachgedacht über die jüngsten Ergebnisse von Ferrari. Angelo wird seine Locken auch am Montag noch tragen. Ziemlich sicher.

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