Sport : Der schüchterne Mann

Zinedine Zidane gilt als weltbester Fußballer – vor Deutschland hat er dennoch Respekt

Stefan Hermanns

Bochum. Jacques Santini rückte in die Ecke, um genügend Platz zu machen. Als Zinedine Zidane, der Kapitän der französischen Nationalmannschaft, an ihm vorbeiging, lächelte Santini, dann nickte er kurz, fast ein wenig devot. Für Zidane, seit Jahren als bester Fußballer der Welt gefeiert, sind solche demütigen Gesten nicht ungewöhnlich. Wo immer der eigentlich schüchterne Mann auftritt, begegnet ihm Ehrfurcht. Das Ungewöhnliche ist allenfalls, dass Santini französischer Nationaltrainer ist.

Es gibt im Moment keinen anderen Fußballer, der in seiner eigenen Kaste eine solche Wertschätzung genießt wie Zidane. „Der Größte unserer Zeit“, hat Franz Beckenbauer in seiner „Bild“-Kolumne über ihn geschrieben. „Das ist schon eine andere Ware“, sagt Jens Jeremies, der heute (20.30 Uhr, live in der ARD) im Freundschaftsländerspiel zwischen Deutschland und Frankreich der direkte Widersacher Zidanes sein wird. Zum eigentlichen Duell dieser Begegnung aber ist in den vergangenen Tagen das Aufeinandertreffen von Zidane und Michael Ballack hochgespielt worden. „Beide sind das, was man den kreativen Kopf ihrer Mannschaft nennt“, sagt Santini. Was passiert, wenn man kopflos spielt, haben die Franzosen bei der WM im vergangenen Jahr erfahren. Sie flogen als Titelverteidiger nach Asien – und kehrten schon nach den drei Vorrundenspielen geschlagen in die Heimat zurück. Ohne den verletzten Zidane als ihren Inspirator hatte die Mannschaft gegen Senegal, Uruguay und Dänemark kein einziges Tor erzielt.

Seit diesem Debakel aber betreibt die französische Nationalmannschaft eine erfolgreiche Rehabilitation. Mit dem neuen Trainer Santini hat Frankreich alle acht Spiele der EM-Qualifikation gewonnen, und in den insgesamt 18 Begegnungen seit der Weltmeisterschaft hat die Mannschaft 16 Siege geschafft. Zidane hat im Kreis der Nationalmannschaft „eine neue Professionalität und eine gewisse Ernsthaftigkeit“ ausgemacht.

Nach den eher leichten Pflichtspielen gegen Malta, Zypern, Slowenien und Israel in der EM-Qualifikation wäre es für Zidane auch im Freundschaftsspiel gegen die Deutschen ,wichtig’, ein gutes Resultat zu erzielen. Im Rest der Welt gilt die deutsche Nationalmannschaft immer noch als „große Nummer“ (Zidane). Frankreichs Nationaltrainer Santini bescheinigt den Deutschen „ein hohes spielerisches Niveau“.

Diese Form der Ehrfurcht hat in Frankreich vor allem fußballhistorische Wurzeln. Bei den Weltmeisterschaften 1982 und 1986 schieden die Franzosen jeweils im Halbfinale gegen die Deutschen aus, obwohl sie in beiden Fällen die spielerisch bessere Mannschaft gestellt hatten. Zinedine Zidane war bei der WM 1982 gerade zehn Jahre alt, aber er erinnert sich noch gut an das Halbfinalspiel: Daran, dass die Franzosen in der Verlängerung schon 3:1 führten, dass sie dann aber aufhörten, Fußball zu spielen und am Ende im Elfmeterschießen verloren. „Das ist die Qualität der Deutschen: dass sie immer wieder ins Spiel zurückkommen können“, sagt Zidane. „Das ist ihre Mentalität, und wenn man ehrlich ist, haben die Franzosen den Sieg damals auch nicht verdient gehabt.“

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