Sport : Der Sonntagsschuss: Die Bundesliga geht in Serie

Christoph Biermann

Der Grund zur Sorge lässt sich statistisch ermitteln. Denn Serien und Rekorde in solcher Zahl, das ist neu in der Bundesliga. Vor diesem Wochenende feierte etwa Hertha BSC fünf Punktspielsiege hintereinander. Aber was war das schon gegenüber den acht Erfolgen von Werder Bremen in den letzten neun Spielen? Oder gegenüber der Bilanz von Borussia Dortmund auf fremden Plätzen, wo sieben von bislang acht Partien gewonnen wurden? Das gab es in noch keiner Bundesligaspielzeit zuvor. Historisch einmalig ist auch der Startrekord von Bayer Leverkusen. Die Mannschaft von Klaus Toppmöller blieb in 14 Spielen vom Start weg ohne Niederlage. Unterwegs brach das Team mit sieben Siegen in Folge noch den eigenen Klubrekord. Einen Zwischenspurt hat in der Hinrunde auch der FC Bayern München eingelegt - und siegte neun Mal in Folge. Das war dem Rekordmeister zuletzt vor 21 Jahren gelungen.

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Bundesliga-Tippspiel: Das interaktive Fußball-Toto von meinberlin.de Dort, wo das Serienwesen für lange Gesichter sorgt, wurden Schlechtbestleistungen aufgestellt. Borussia Mönchengladbach blieb vor diesem Spieltag neun Mal ohne Sieg, beim so prächtig gestarteten FC Energie Cottbus wuchs sich die Serie auf dem Weg zurück in die Realität auf elf Partien ohne Sieg aus. Der 1.FC Köln brachte es zwischenzeitlich gar auf die in der Vereinsgeschichte einmalige Zahl von sieben Niederlagen hintereinander, ehe der Staffelstab des Leidens an den FC St. Pauli weitergegeben werden konnte. Dessen Bilanz sich nun langsam der für einmalig trostlos gehaltenen Ausbeute von Tasmania Berlin aus der Saison 1965/66 annähert. Das mag in Hamburg für lange Gesichter sorgen, aber gibt es wirklich Anlass zur Betrübnis jenseits der Reeperbahn? Haben wir es bei derlei unerfreulichen oder umjubelten Häufungen nicht einfach nur mit statistischen Zufälligkeiten zu tun? Leider nicht, die Reihen und Rekorde liefern vielmehr einen Beleg für die Teilung der Welten in Deutschlands Spitzenliga. Vorneweg streben die drei Großen aus Leverkusen, München und Dortmund, mit höflichem Abstand folgt ein Mittelfeld aus sechs weiteren Klubs, der Rest kämpft gegen den Abstieg. Neu ist die Klage über diese Drei-Klassen-Gesellschaft beileibe nicht, aber so tief waren die Gräben nie. Siege der Kleinen gegen die Großen sind absolute Rarität. Stets gab es zwar auch früher in jeder Saison ein oder zwei Mannschaften, die vom Rest kaum zu bezwingen waren. Doch inzwischen scheint man nur noch innerhalb seiner Klasse oder in der jeweils unteren punkten zu können. Bayern München mag am ersten Spieltag beim Aufsteiger aus Mönchengladbach, Borussia Dortmund zuhause gegen Freiburg verloren haben. Doch ansonsten gaben diese Klubs, Leverkusen, Kaiserslautern oder Bremen fast nur noch untereinander Punkte ab. An dieser Erscheinung mag es im Verlauf der Saison noch die ein oder andere Korrektur geben, doch eigentlich sind die Rollen fest verteilt.

Sieht man von kleineren Verschiebungen ab, entspricht der Tabellenstand übrigens genau dem finanziellen Einsatz, den die Klubs zu leisten in der Lage sind. Der VfB Stuttgart mag diesem Schema nach oben entweichen, der Hamburger SV oder 1.FC Köln nach unten, doch die Wirtschaftskraft bestimmt den Erfolg. Und diese hat sich inzwischen dramatisch verschoben. Nach und nach wurden in der Bundesliga die Solidaritätsmodelle gelockert und die Umverteilung von oben nach unten drastisch eingeschränkt. So stehen vorne jene Klubs, die in den letzten Jahren mehr oder weniger regelmäßig in der Champions League Fernsehgelder einspielen konnten. Gefolgt werden sie von sporadischen Teilnehmern an internationalen Wettbewerben, der Rest ist Fußvolk. Auch in der Bundesliga wurde die Verteilung der Fernsehgelder leistungsbezogener. Wer besser steht, bekommt mehr Geld. Wodurch der beschriebene Mechanismus eine noch größere Dynamik bekommt. Denn umgedreht bedeutet das: Wer unten steht, kriegt weniger. Durchgesetzt haben das die Großen der Branche, die mit Manchester, Mailand und Barcelona um europäische Siege streiten und sich gegenüber England, Spanien und Italien immer noch wirtschaftlich im Nachteil sehen. Als "Unterhaching Europas" feierte die Süddeutsche Zeitung daher den FC Bayern nach dem Gewinn der Champions League im Mai. Doch das wirkliche Unterhaching stieg zur gleichen Zeit aus Liga eins ab und wird so schnell nicht wiederkommen. Das ist absehbar, und nicht nur das. Ein wichtiger Reiz des Fußballspiels ist, dass man vorher nicht weiß, wie es am Ende ausgeht. Nur gilt das in der Bundesliga immer weniger. Es drohen Zeiten, in denen man sich trösten muss, wie heute schon Fans in Schottland oder Holland: dass Kilmarnock doch auch schon mal bei den Glasgow Rangers und Alkmaar gegen Ajax Amsterdam gewonnen hat. Nur könnte sich bis dahin die Zahl der Interessenten am wuchernden Serienwesen deutlich reduziert haben.

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