Sport : Der Sonntagsschuss: Hässliche Tore zählen nicht

Christoph Biermann

In diesen Tagen nagender Selbstzweifel und der stillen Hoffnungen, dass die deutsche Fußball-Nationalmannschaft sich gegen die Ukraine doch noch für die Weltmeisterschaft qualifiziert, gibt es einen Ort, wo dafür bestimmt keine Daumen gedrückt werden. Zu sehr wäre es den Holländern ein Trost, wenn ihre Nachbarn im kommenden Sommer ebenso peinlich berührt vor dem Fernseher sitzen würden wie sie selbst. Am Tag, als Rudi Völlers Team 1:5 gegen England verlor, konnte das deutsche Fernsehpublikum in den Nachmittagsstunden zuvor eine andere Fußball-Apokalypse live miterleben. Holland unterlag in Irland 0:1 und schied damit in der Qualifikation aus.

In den Niederlanden linderte es den Schmerz zumindest ein wenig, dass der 1. September für die deutsche Mannschaft ebenfalls ein Tag der Leiden war. Zugleich blieb hier zu Lande die Schadenfreude über den holländischen Rivalen angesichts der eigenen Pleite fast völlig aus. Und die Frage ungeklärt, woran Holland denn scheiterte.

Einer der wesentlichen Gründe für die deutsche Malaise gilt in Holland nicht. Hier zu Lande gibt es nicht genug außergewöhnliche Talente mit deutschem Pass, das Team in den Oranje-Trikots aber ist weiterhin bemerkenswert besetzt. Auch nach dem Rücktritt von Bergkamp stehen mit Kluivert, Hasselbaink und van Nistelrooy gleich mehrere überragende Angreifer auf dem Platz. Overmars ist einer der besten Außenstürmer der Welt, Cocu brillant im defensiven Mittelfeld, Frank de Boer und Reiziger sind verlässlich in der Abwehrkette, van der Sar gehört zu den besten Torhütern des Kontinents. Fast alle Spieler stehen bei Spitzenklubs unter Vertrag, von Manchester United über den FC Barcelona bis zu Juventus Turin. Mangelnde individuelle Qualität kann das Scheitern nicht erklären, selbst wenn Edgar Davids zwischendurch aufgrund seiner Dopingsperre und andere Spieler wegen Verletzungen in einigen Partien fehlten.

Am Tag nach der Niederlage in Dublin meinten bei der Umfrage eines Radiosenders 81 Prozent der Anrufer, die Einstellung der Spieler stimme nicht. In Deutschland, wo es stets einen Grundverdacht gegenüber laschen Millionären gibt, wäre so ein Ergebnis nicht verwunderlich. In Holland ist es angesichts des dortigen Selbstverständnisses von Fußball eine Sensation.

"Ich bin nicht daran interessiert, hässliche Tore zu schießen", hat Dennis Bergkamp einmal gesagt. Diese Aussage entspringt der in Holland tief verwurzelten Vorstellung, dass es im Fußball nicht allein um Siege, sondern um das schöne Spiel geht. Ihr entschiedenster Advokat ist Johan Cruyff. Mit der Autorität eines der größten Spieler aller Zeiten predigt er in Zeitungskolumnen und als gestrenger Fernsehkommentator unaufhörlich seine Glaubenssätze. Dass offensiv, elegant, mit Stil und stets drei Stürmern gespielt werden muss. Dieser beharrliche Blick auf eine imaginäre B-Note speist sich auch aus dem Trauma des gegen Deutschland verlorenen WM-Finales von 1974. Seitdem liegt der Trost in der Niederlage oft in einer ästhetischen und damit verbunden auch moralischen Überlegenheit des holländischen Fußballs.

Zu Beginn der aktuellen WM-Qualifikation verlor Holland daheim gegen Portugal, erreichte gegen Irland nur ein Unentschieden und spielte zudem nicht gut. Im März dieses Jahres endlich trumpfte die Mannschaft in Portugal groß auf und führte bis zur 83. Minute 2:0. Mit einem Sieg wäre die Wende geschafft gewesen, doch Trainer Louis van Gaal wollte zum Ende das Ergebnis keinesfalls schnöde festhalten. Selbst zehn Minuten vor Schluss kam er nicht auf die Idee, einen Defensivspieler einzuwechseln und das Resultat über die Runden zu schaukeln. Erneut brachte er einen Stürmer für einen anderen. Nachdem die Portugiesen eher zufällig den Anschluss geschafft hatten, konnte er nicht mehr reagieren, und in der Nachspielzeit mussten die Holländer den Ausgleich hinnehmen.

Damit verloren sie jene Punkte, die ihnen am Ende fehlten. Sie hätten sie durch eine große Leistung verdient gehabt. Doch schließlich entglitten die Punkte, weil Oranje dem schönen Spiel kein realistisches Ende geben wollte. Das entspricht auch dem inneren Widerwillen, sich bei großen Turnieren in einer so hässlichen Angelegenheit wie Elfmeterschießen durchzusetzen. Bei den letzten beiden Europameisterschaften und der WM 1998 in Frankreich schied das Team auf diese Weise aus.

Aus deutscher Perspektive ist das alles völlig rätselhaft, weil hier zu Lande nur der Sieg und selten die Art und Weise seines Zustandekommens ein Thema ist. Was umgekehrt die tiefe Antipathie vieler Holländer deutschen Mannschaften gegenüber erklärt. Der englische Autor David Winner konzediert dem holländischen Fußball ein "neurotisches Genie", dem dortigen Publikum geht das als fehlende Einstellung inzwischen auf die Nerven. Im Gegensatz zum deutschen Pragmatismus hat man aber wenigstens noch Spaß gehabt, bevor es schief geht.

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