Sport : Der spanische Fußball hat die richtige Balance gefunden

Inaki Navarro

Real Madrid und der FC Valencia treffen sich heute im entscheidenden SpielInaki Navarro

Jenseits der Pyrenäen war man durchaus verstört, als Valencia, Madrid und Barcelona drei der vier Halbfinalplätze besetzten - und die Champions League in die Offenen Spanischen Meisterschaften verwandelten. "Der englische Fußball", stellte der Londoner "Mirror" verwirrt fest, "ist offenbar doch nicht so exzellent ist, wie wir dachten". "La Repubblica" nahm es in Rom nicht ganz so tragisch: "Es passiert schon mal, dass der Rasen in Nachbars Garten eben etwas grüner ist als der eigene." Doch der "Corriere della Sera" aus Turin rief "die spanische Rasse" zum "Herrscher des Fußballs" aus. Bloß Uefa-Generalsekretär Gerhard Aigner mimte den Spielverderber. Von spanischen Mannschaften, befand der Verbandsfunktionär in Genf, könne angesichts der vielen Ausländer in den Reihen der Topklubs "doch wohl wirklich nicht die Rede sein" - und wusste es sogleich besser: "Es sind internationale Auswahlen!"

Den Spaniern war es gerade ganz egal. Wenn den Herren der Uefa das spanische Champions-League-Finale zwischen Real Madrid und dem FC Valencia (heute/20.45 tm3) nicht passt, meinte Valencias Präsident Pedro Cortés, "ist das ihr Problem". Nationaltrainer José Antonio Camacho, bekundete trotzig "Stolz auf unseren Fußball". Und das Fachblatt "As" leitartikelte: "Ob wir aus den Tälern bei Las Hurdes kommen, uns Kelitberer nennen oder aus Barataria stammen - diese Champions League gewinnen wir!" Barataria, ganz recht: jene Insel, die der Nationaldichter Cervantes herbeiphantasierte, als er Don Quijote schrieb. Viva España!

Die Inbrunst, mit der die Spanier die kontinentalen Erfolge für sich reklamieren und nationalistisch einfärben, mutet paradox an - wie so viel in der Gegenwart des spanischen Fußballs. Denn tatsächlich ist aus der Primera Division längst eine Globetrotter-Liga geworden, in der die hochbezahlten Stars und Sternchen aus fernen Ländern stammen. Obwohl Athletic Bilbao weiterhin der Devise treu bleibt, einzig gebürtige Basken unter Vertrag zu nehmen, kommen Spaniens Vereine auf einen Schnitt von 9,5 Ausländern pro Mannschaft.

Dagegen hat sich in Spanien durchaus Widerstand geregt. Doch im Erfolgsfall funktionieren die Identifikations-Mechanismen des Anhangs mit den ach so fremden Teams wie geschmiert: Derart groß war die Woge der Euphorie und des Stolzes in Valencia, dass man glauben mochte, lauter Reinkarnationen des Stadtpatrons Jaime I. El Conquistador hätten auf dem Platz gestanden - und nicht etwa die "Gastarbeiter" aus Frankreich, Argentinien, Jugoslawien oder Rumänien. Als Real Madrid vor zwei Jahren unter Jupp Heynckes den siebten Europapokal der Vereinshistorie mit reichlich Fremdhilfe holte, stürmten Hunderttausende die Prachtstraße Castellana. In Barcelona hingegen entlud sich vor kurzem, nach dem Ausscheiden gegen Valencia, blanker Hass, auf die niederländische Kolonie im Allgemeinen und Trainer Louis van Gaal im Besonderen. Zermürbt warf Club-Präsident Nuñez nach 22jähriger Amtszeit die Brocken hin, van Gaal folgte ihm.

Vielleicht ist es tatsächlich nur eine Verkettung günstiger Umstände, dass das erste Bruderduell in der 55jährigen Geschichte der Finale des Europapokals der Landesmeister heute von zwei spanischen Mannschaften ausgetragen wird. Schließlich darf man Real Madrid schon mal in einem europäischen Finale erwarten - und Valencia hat in der Meisterklasse eine derart famose Saison gespielt, daß die Reise nach Paris nicht gänzlich unverdient kam. Vermutlich spielen auch die vielen Ausländer die dominante Rolle - schließlich werden Redondos und Anelkas nicht andauernd geboren. Aber eben nur: einerseits. Denn andererseits ist nicht ganz von der Hand zu weisen, dass Spaniens Primera Division die derzeit wohl beste und attraktivste Liga Europas ist.

Dass dem so ist, hat vor allem mit dem Niederländer Johan Cruyff und seiner Zeit als Trainer des FC Barcelona zu tun - und trägt fast schon kulturrevolutionäre Züge. Seit jeher haftete dem spanischen Gekicke eine testosterongeladene Fama an - la "furia española", die "spanische Furie" wurde beschworen. "Sabino, zu mir den Ball, ich werde sie überrollen!", war der Schrei Belaustes, der den Mythos des Hauruck-Fußballs gebar - bei den Olympischen Spielen von Amsterdam, 1920, gegen Schweden.

Cruyff aber begründete aber Anfang der Neunziger Jahre eine Geisteshaltung, die den Fußball als "Spektakel" begreift und seither von einflussreichen Leitartiklern und Fußballintellektuellen wie Jorge Valdano oder dem Schriftsteller Manuel Vazquez Montalban so wortgewandt wie mediengerecht verteidigt wird. "Espectaculo" - das steht synonym für Offensive und Kreativität, für das ludische Moment, für die Verbindung zwischen "Muskel und Intellekt" (Valdano) - und somit für jene Antipoden der resultatsfixierten und deshalb im Zweifel immer defensiv geprägten italienischen Schule, die in Folge der spanischen Erfolge arg blamiert dasteht.

Gewiss: Milliardenbeträge sind in den spanischen Ligakreislauf geraten, dank der TV-Gelder, die üppigst fließen. Doch dass die Pesetas vorrangig in Südamerika reinvestiert werden, dem fußballerischen Hinterland Spaniens, kommt nicht von ungefähr. Dort, wo Fußball immer noch Poesie ist, bedienen sich die spanischen Klubs gerade deshalb ausgiebig und gerne, weil die technische Finesse der Akteure am ehesten Verheißung auf fußballerische Ästhetik bietet. Von den 190 Ausländern in Spaniens Liga stammen allein 41 aus Argentinien, 18 aus Brasilien und 15 aus Uruguay.

Notabene: Auch in Spanien wurde das Bosman-Urteil verwünscht - oft genug. Doch ebenso werden mittlerweile Vorzüge gesehen. Die Globalisierung des nationalen Marktes hat eine Generation von Spielern heranwachsen lassen, die sich inmitten härtester Konkurrenz behaupten muss - und kann. Parallel dazu intensivieren die Vereine in eine immer professionellere und kostspielige Schulung der Jugend. Dass ein Verein wie Valencia jährlich sechs bis sieben Millionen Mark in die Nachwuchsarbeit pumpt, ist Sinnbild für die zukunftsorientierte Planung in Spanien. Das Bild, dass Spaniens Fußball bietet, formt sich so zu einem barock anmutenden Gemälde: mestizisch, verschlungen und voller unauflösbarer Widersprüche. Hier herbeigeholte Ausländer - da Hoffnung weckende Talente.

Widersprüche? Durchaus. Denn wer die Fachpresse der vergangenen Spielzeiten durchforstet und die Saisonbilanzen auch nur überfliegt, wird auf geradezu vernichtende Sentenzen stoßen. In schöner Regelmäßigkeit wurde da nämlich Apokalyptisches beschworen - und die jeweils vergangene Saison als die "qualitativ schlechteste seit langem" heruntergejazzt. Nirgends, heißt es in den Redaktionsstuben Madrids und Barcelonas, kann man leichter Meister werden als in Spanien. 1998 wurde Barcelona trotz zehn Niederlagen Champion. In der laufenden Spielzeit spielten die Rot-Blauen bis zum letzten Spieltag um den Titel mit - obwohl sich die Schlappen auf zwölf summierten. Real Madrid und Valencia waren zwischendurch sogar Abstiegskandidaten.

Doch was die einen als Zeichen des Niedergangs werten, gilt den anderen als der Schlüssel des kontinentalen Erfolges. Dass Heimsiege gegen Alavés oder Rayo Vallecano für die Giganten der Liga nicht mehr selbstverständlich sind, ist auch Ergebnis eines ausgeglicheneren Wettbewerbs. Durch die TV-Gelder haben auch kleinere Clubs massiv aufrüsten können - und finanzkräftige Institutionen wie Atlético Madrid oder Betis Sevilla in die zweite Liga geschubst. Vereine wie Malaga, Valencia, Celta de Vigo oder der neue Meister Deportivo La Coruña investierten im vergangenen Jahr über dem Ligadurchschnitt von rund 30 Millionen Mark für neue Spieler.

Die vielen Pesetas haben auch die Mobilität der nationalen Talente angeheizt. Dass Mittelfeldstrategen wie Gérard oder Albert Celades ihren Stammverein FC Barcelona verlassen und sich in Valencia oder Vigo verdingen; dass Nationaltrainer Camacho in den vergangenen zwei Jahren Spieler aus 15 verschiedenen Klubs einladen kann - für spanische Verhältnisse einfach unerhört. Einerseits. Andererseits auch ein Zeichen dafür, wie viele Ausländer bei den Spitzenvereinen Real und Barcelona tätig sind.

Doch was, wenn sich sich all die Vorzüge, die vermeintlichen, ins Gegenteil verwandeln? Wenn man die Italiener von ihren Problemen reden hört, "vom Übermaß an Ausländern, von der Übersättigung an Spielen, vom Exzess der rein monetären Interessen, von dem Mangel an Bindung zwischen Fans und Akteuren", glaubt Ex-Nationaltorwart Andoni Zubizarreta, "hört es sich fast so an, als würden sie über uns reden".

Nur: wer will sich jetzt schon einen Kopf um das Morgen machen? Heute wird gefeiert, unter dem Triumphbogen in Paris, also ausgerechnet dort, wo Napoleons Siege auf der iberischen Halbinsel eingemeißelt sind. Real Madrid trachtet nach dem achten, Valencia nach dem ersten Sieg in der Meisterklasse der Vereinsgeschichte. Und Spanien zieht an Europapokalen gleich mit Italien und England, die insgesamt neun geholt haben. Wenn Camachos Nationalmannschaft noch die Europameisterschaft gewinnt - Gnade Gott der Castellana.

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