Sport : Der Spielmacher kommt nach Berlin - vielleicht schneller als gedacht

Michael Rosentritt

Stefan Beinlich hatte gestern frei. Frei in Leverkusen. Aber es gibt Aufregenderes. Jedenfalls gefällt es dem Fußballer dort eigentlich gar nicht mehr. Deswegen verlässt er am Saisonende diese Stadt. Am Sonntag hatte sich der 27-Jährige in Berlin für einen Dreijahresvertrag von Hertha BSC entschieden. "Ich würde lieber heute als morgen kommen", sagt er. In Leverkusen spielt der begabte Mittelfeldspieler nur die Rolle eines Jokers, die freundlichste Umschreibung eines Einwechselspielers. "Das ist es ja gerade. Normalerweise würde ich meinen Vertrag bis zum 30. Juni gern erfüllen, aber es ist doch auch normal, dass ich unbedingt spielen möchte, oder?"

Hertha BSC hat sich Beinlichs Dazutun ab dem 1. Juli 2000 gesichert. Er käme dann ablösefrei nach Berlin. "Es kann durchaus passieren, dass Stefan früher nach Berlin kommt. Bei den bisherigen Verhandlungen ging es nur darum, ob er bleibt, oder wohin er wechselt", sagt Beinlichs Berater Jörg Neubauer. Angebote lagen Beinlich von Bayern München und Aston Villa vor. "Man kann sich nicht gegen Bayern München entscheiden", sagt Beinlich, "ich habe mich für Hertha entschieden."

Beinlich sieht die Chance auf einen frühzeitigen Wechsel kaum. "Manager Calmund und Trainer Daum haben mir gesagt, dass sie überhaupt nicht daran denken, mich vorzeitig ziehen zu lassen." Herthas Führungsetage freut sich derweil auf ihn. "Stefan Beinlich ist der vielleicht beste deutsche Spieler, der ablösefrei auf dem Markt war", sagt Manager Dieter Hoeneß. Oder wie sein ehemaliger Rostocker Trainer Pagelsdorf einmal sagt: "Der tanzt mit dem Ball."

Als Jugendlicher hatte Beinlich beim BFC Dynamo und später für die kleine BSG Bergmann Borsig gespielt, ehe er 1991 "im Paket" mit Matthias Breitkreutz für 400 000 Mark zu Aston Villa transferiert wurde. Drei Jahre später ging es - wieder im Paket, diesmal für 850 000 Mark - nach Rostock. Dort verhalf er Hansa zum Aufstieg. Im Sommer 1997 wechselte er für knapp vier Millionen Mark - mittlerweile als Nationalspieler (drei Spiele) - nach Leverkusen.

Bald also Berlin. Natürlich hat auch Beinlich von Gefühlen innerhalb des Berliner Profikaders gehört, die mit Bekanntwerden seines Wechsels aufkamen und die man mit dem Wort gemischt umschreiben darf. Die Abteilung kreatives Mittelfeld ist bei Hertha mit Tretschok, Deisler, Dardai und Wosz dicht besetzt. "Gerade deswegen habe ich mich ja für Hertha entschieden", sagt Beinlich. "Es sind viele gute Spieler da, und irgendwann möchte ich mit denen die Meisterschale in der Hand halten." Speziell Dariusz Wosz hatte sich ein Gespräch mit Röber und Manager Hoeneß erbeten, für den Fall, der jetzt eingetreten ist. "Beinlich ist ein attraktiver Fußballer. Mein Vertrag läuft bis 2002. Ich möchte wissen, wie sich der Verein und der Trainer das vorstellen", sagt der 30-jährige Wosz. Seit Tagen durchquert folgender Satz von Hoeneß die Medien: "Es geht nicht um Wosz oder Beinlich, sondern um Wosz und Beinlich." Und Beinlich sagt: "Dariusz ist ein großer Fußballer. Ich verstehe aber die Irritationen nicht. Denn jeder aus dem Verein will doch, dass es nach oben geht. Konkurrenz kann da nur gut tun."

Egal, im Januar wird er nach Hamburg fahren und dort den 100. Geburtstag seiner Tante feiern. Diese Dame spielte eine nicht so geringfügige Rolle im Werdegang des Ostberliners. Beim BFC wurde er 14-jährig mit dem Verweis auf Herz-Rhythmus-Störungen ausgemustert. In Wirklichkeit passte die Tante nicht in die Kaderakte. So weit wäre es in Leverkusen nie gekommen.

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