Sport : Der Sport-Nomade spielt seit vier Jahren für Alba - für ihn erstaunlich lange

Dietmar Wenck

Vor ein paar Tagen saß Marco Baldi, der Vizepräsident von Alba Berlin, neben Shimon Mizrahi, dem Präsidenten von Maccabi Tel Aviv. Anlass war eine Sitzung des Weltverbandes Fiba in München; es ging um die Vermarktung der Basketball-Europaliga, um viele Dollar, einen neuen Spielmodus und lauter solch wichtige Dinge. Bei alldem vergaß Mizrahi aber nicht, nach einem ehemaligen Angestellten seines Vereins zu fragen, der inzwischen beim Deutschen Meister unter Vertrag steht: "Wie geht es eigentlich Wendell Alexis?" Baldi antwortete gern und hat sich insgeheim wieder einmal über das Interesse an diesem besonderen Spieler gefreut und vor allem darüber, dass Alexis nun schon seit vier Jahren in Berlin spielt, so lange wie nirgendwo anders zuvor.

Wie geht es eigentlich Wendell Alexis? "Es tut immer irgendwo weh, aber was kannst du tun? Du musst immer weitermachen, denn wenn du erst mal aufhörst, wird es erst richtig schlimm", sagt Alexis. Ende Juli wird er 36 Jahre alt. Dann hat er 14 Jahre auf den Basketball-Feldern Europas zugebracht. Die nächsten Ziele sind das Pokalturnier "Final Four" in Frankfurt (Main) am Wochenende und danach der Gewinn des vierten deutschen Meistertitels. Sein Vertrag bei Alba läuft aus. Irgendwann muss Schluss sein. Vor zwei Jahren hat der US-Amerikaner gesagt, in zwei Jahren wolle er aufhören. Jetzt sagt er: "Zwei Jahre noch." Warum nicht? Nach wie vor gehört er zu den besten Spielern Europas. Manche Beobachter meinen, Alexis spiele zurzeit seine beste Saison in Berlin.

Mannschaftskapitän Henrik Rödl tut sich da schwer: "Wendell ist unser Mr. Zuverlässig. Ich kann mich kaum daran erinnern, wann er mal eine schwächere Phase hatte." Er will "alles in meiner Macht Stehende tun, damit Wendell bei uns bleibt". Ein fünftes, vielleicht gar ein sechstes Jahr? Wo Alexis doch sonst spätestens nach zwei Jahren weitergezogen ist - Valladolid, Madrid, Livorno, Siena, Trapani, Tel Aviv, Reggio Calabria, Levallois hießen die Stationen. "Wenn du jung bist", antwortet der Vater von drei Söhnen, "suchst du nach etwas, willst mehr sehen und probieren. Je älter du wirst, umso sicherer bist du, was du wirklich willst." Er scheint es gefunden zu haben.

Als Alexis nach Berlin kam, hatte das viele Gründe: Die Mannschaft spielte in der Europaliga, der Verein hatte einen guten Ruf, die Stadt eine starke US-amerikanische Präsenz. Die Summe, die im Vertrag stand, las sich auch nicht schlecht. Die Mannschaft spielt immer noch in der Europaliga, das Gehalt tauchte nicht nur im Vertrag, sondern auch auf dem Konto auf. Trotz oder gerade wegen seiner unterkühlten Art im Spiel, die ihm den Namen "Iceman" einbrachte, wird Alexis in der Schmeling-Halle jedes Mal von den Fans warm empfangen. Und die Familie fühlt sich wohl. Diese Woche ist sein Vater aus New York zu Besuch gekommen. Mit dem will er sich ein Soccer-Game anschauen. Die Karten besorgt ihm sein Kumpel Anthony Sanneh, ein Landsmann, der bei der Hertha kickt. Alexis hat den Kopf frei. Jedenfalls, solange er bleibt. Der zehnjährige Anell, der viele Freunde in der JFK-Schule und beim TuS Lichterfelde gefunden hat, wird verständnislos "why" fragen, wenn die Familie einmal ihre Koffer packt, das weiß Vater Wendell heute schon. Und noch etwas weiß er nach manchen Gesprächen mit Basketball spielenden Landsleuten, die wie er durch Europa tingeln: "Es gibt viele, die gern an meiner Stelle hier wären."

Dazu muss es ja nicht so bald kommen. "Es gibt keinen Grund, nicht mit ihm weiterzumachen", sagt Baldi. Die Personalie Alexis ist nicht problematisch. Da spielt das Alter keine Rolle. Der US-Amerikaner muss auch mit 35 nicht zum Training motiviert werden. Schon gar nicht dazu, Verantwortung zu übernehmen. "Er engagiert sich sehr für die Mannschaft, auch das unterscheidet ihn von vielen anderen so genannten Legionären", sagt Rödl. Wendell Alexis findet das normal. Bevor er 1986 das erste Mal von seiner Heimat New York nach Europa aufgebrochen war, hat ihn sein Großvater zur Seite genommen und ihm gesagt, wo immer er hinkomme, werde man seinen Familiennamen, seine Selbstachtung und sein Auftreten in Erinnerung behalten. "Ich wollte überall ein Teil des Teams, ein Teil des Vereins sein und nicht den Star markieren. Das ist der Schlüssel zur Integration." Das ist wohl auch der Grund, warum Shimon Mizrahi nicht nach Wurfquoten gefragt hat. Dass die bei Wendell Alexis noch immer stimmen, kann er in der Zeitung nachlesen.

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