Sport : Der Springreit-Olympiasieger hat bis zuletzt gekämpft

Dieter Ludwig

Der große Springreiter Fritz Thiedemann ist tot. Er starb am Sonnabend im Alter von fast 82 Jahren auf der Intensivstation des Krankenhauses in seinem Heimatort Heide. Die letzten 14 Tage im Leben des Fritz Thiedemann waren die schwersten. Er lag nach einer beidseitigen Lungenentzündung in der Klinik, konnte nicht mehr sprechen, hing an Schläuchen. Dennoch, so erzählt seine Familie, "kämpfte er im Krankenhaus bis zuletzt".

"Er verständigte sich mit den Augen und schrieb alles auf, was er sagen wollte", sagt seine Ehefrau Anneliese, mit der er 50 Jahre lang verheiratet war: "Manchmal schrieb er, er wolle nicht mehr, dann wieder schrieb er, er gebe nicht auf. Die Hälfte von mir ist auch gestorben."

Am 3. März 1918 kam Fritz Thiedemann in Weddinghusen als letztes von neun Geschwistern auf die Welt. Alle wurden auf dem 350 Jahre alten Bauernhof geboren, doch nur einer erntete Weltruhm. Fritz Thiedemann wurde vom Papst und vom US-Präsidenten empfangen, er schüttelte der britischen Queen die Hand und blieb doch immer er selbst. Die Welt der Austernschlürfer und Schampustrinker betrat er nicht, "dort muss man hineingeboren werden," sagte er einmal.

Sein Reiterleben hat Fritz Thiedemann in einem inzwischen zerfledderten Büchlein aufgezeichnet, die Stürze, die Siege, die Fehler oder die Preisgelder. 132 Mal stürzte er, 550 Siege sind notiert. Den letzten Erfolg feierte Fritz Thiedemann am 1. Juli 1961 im Preis der Nationen des CHIO von Deutschland. Einen Tag später setzte er sich auf der Tribüne neben seine Frau und flüsterte ihr zu, er werde mit dem Sport aufhören. Sie glaubte ihm nicht. 24 Stunden später ritt Fritz Thiedemann auf dem mächtigen Holsteiner Wallach Meteor die Abschiedsrunde.

Auch Handgelder waren für ihn kein Argument, die Karriere zu verlängern: "Ich habe mich mein ganzes Leben lang nie kaufen lassen." Mit ihm trat auch Meteor von der sportlichen Bühne ab, "der Dicke", wie man ihn nannte, der mal den Milchwagen gezogen hatte, Moritz hieß und dann von "dem kleinen Holsteiner Bauern" (Thiedemann über Thiedemann) kultiviert wurde. 150 Mal hatte das Paar einen Parcours erfolgreich verlassen.

Hans Günter Winkler und Fritz Thiedemann wurden in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg rasch zu einem Begriff in der ganzen Sportwelt. Beide kamen erst im Alter gut miteinander aus. Thiedemann: "Winkler galt als Künstler, ich war höchstens der Handwerker."

Thiedemann erinnerte sich gerne an die Olympischen Spiele 1952 in Helsinki, als er im Springen auf Meteor und in der Dressur auf Chronist jeweils Bronze gewann. 1956 in Stockholm und 1960 in Rom holte er mit der Equipe olympisches Gold. Vergrätzt war er lange Jahre, weil er 1953 wegen einer Zehntelsekunde den Welttitel verpasste.

Nach dem Gewinn der Europameisterschaft 1958 in Aachen wählten ihn die deutschen Sportjournalisten zum "Sportler des Jahres". Er, der am liebsten Tierarzt geworden wäre, verleugnete nie seine Herkunft: "Aber ich wollte auch immer weg vom Durchschnitt", wie er an seinem 80. Geburtstag erklärte.

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