Sport : Der Star bin ich

Beim Radsportteam Lübeck wird beispielhaft am Anti-Doping-Kampf gearbeitet

Frank Bachner

Berlin - Es waren nur Kinder, sie meinten es nicht böse. Sie wussten bestimmt nicht genau, was das ist, ein „Doper“. Sie riefen es nur den acht jungen Radfahrern hinterher, als die an ihrem Spielplatz in einem Dorf in der Nähe von Lübeck vorbeifuhren. Sie hatten das Wort einfach aufgeschnappt, weil es doch jetzt überall zu hören ist. Und weil es irgendwas mit Radfahren zu tun hatte.

Aber die jungen Rennfahrer, die wussten, was es bedeutet. Sie waren 13, 14 Jahre alt, sie waren groß genug, um zu wissen, dass Doper Betrüger sind. „Es war ihnen hochgradig peinlich, so dazustehen“, sagt Gert Hillringhaus. Die jungen Fahrer gehören zu seinem Klub. Und es war ihnen peinlich, weil sie zur Gegenbewegung gehören, zur Anti-Doping-Fraktion. Zum Radsportteam Lübeck. Zu jenem Verein, der beispielhaft gegen Doping kämpft.

Hillringhaus ist der Kopf dahinter. Ein 46-jähriger Elektroingenieur, der sagt: „Ich glaube, dass man irgendwann auch ohne Doping Radrennen fahren kann.“ Er ist der Cheftrainer des Teams, ausgebildet von den Rad- und Anti-Dopingexperten Ralf Meutgens und Dieter Quarz. Ein Quereinsteiger, der nie selber Rad gefahren ist, aber irgendwann Spaß an dem Sport fand. Dass er nie zur Szene gehört hatte, sagt Hillringhaus, ist „jetzt mein Vorteil. Ich habe das System nicht verinnerlicht.“ Das System, in dem Doping Alltag ist, weil schon Amateurfahrer und Jugendliche Aufputschmittel nehmen.

Im Radteam Lübeck muss jeder die Medikamente melden, die er erhält. Zumindest wenn sie verschreibungspflichtig sind. Und wer krank ist, startet nicht, bis die Wirkung des Medikaments vorbei ist. Eigentlich ist Hillringhaus auch gegen Nahrungsergänzungsmittel, aber er weiß auch, wie Kinder und Jugendliche ticken. „Wenn man etwas verbietet, reizt es noch mehr.“

Er will ja überzeugen, nicht kommandieren. Rund 160 Mitglieder hat das Team, 40 davon sind Kinder und Jugendliche. Und alle will er davon überzeugen, dass sie selber das Maß aller Dinge sind. „Wir sagen ihnen, dass es ein Riesenerfolg ist, wenn sie sich verbessern.“ Das Schielen nach Idolen wie Lance Armstrong ist ihm ein Gräuel. Hillringhaus bringt ihnen bei, dass „Leistungseinbruch keine Krankheit ist“, er beweist ihnen, dass sie mit vernünftigem Training und richtiger Ernährung beachtliche Leistungssteigerungen erzielen, und er setzt auf den Teamgeist. Der erzeugt sozialen Druck, keiner will ausscheren. „Unsere Fahrer sind bei Rennen immer in Gruppen zusammen, andere Fahrer werden von ihren Eltern betreut und rollen dann allein zum Start.“

Die Eltern seiner jungen Fahrer werden dagegen eingebunden ins Trainingssystem. Sie kommen zu Informationsabenden, erhalten Tipps für eine gute Massage und lernen das Leistungsprinzip des Radteams Lübeck. „Eine hervorragende Sache“, sagt der Heidelberger Dopingexperte Gerhard Treutlein. „Vor allem ist es gut, dass Hillringhaus nicht mit den üblichen Praktiken des Radsports groß geworden ist.“

Auch ohne die üblichen Praktiken kann man vorne mitfahren. Philipp Fischer und Björn Büttner sind zu B-Fahrern aufgestiegen, andere haben ebenfalls gute Perspektiven. „Aber der Knaller“, sagt Hillringhaus, „ist, dass ich mich langsam zurückziehe. Immer mehr der Fahrer, die jetzt 19, 20 Jahre alt sind und die unser Konzept verinnerlicht haben, übernehmen das Training der Jüngeren.“

Aber letztlich basiert Hillringshaus’ Konzept auf Vertrauen. Er muss glauben, dass seine Fahrer keine verbotenen Mittel nehmen, mehr hat er nicht. „Aber ich würde den Jungs mein Haus anvertrauen“, sagt er. Trotzdem, die Zahl der jungen Talente im Verein geht zurück. „Viele Eltern sind durch die Dopingdiskussion abgeschreckt und vertrauen uns ihre Kinder nicht mehr an“, sagt Hillringhaus. Also informiert er noch mehr als früher.

Er bekommt die Folgen der Diskussionen ja selber mit, wenn er fährt. Kommentare erhalten nicht bloß seine Fahrer bei einem Spielplatz. Als sich Hillringhaus am Mittwoch nach Feierabend in Radlerhose und mit Trikot auf sein Rennrad schwang, da rief ihm ein Kollege launig zu: „Na, heute schon gedopt?“

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