Sport : Der Ton stimmt nicht

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Michael Rosentritt über das Innenleben von Hertha BSC

Seit vergangenen Sommer gehört das Wort Balance zum offiziellen Wortschatz bei Hertha BSC. Der holländische Trainer Huub Stevens hat es eingeführt und zum regen Gebrauch freigegeben. Vielleicht kann man etwas herbeireden, wenn nur oft genug davon gesprochen wird. Das Problem ist nur, dass Hertha aus dem Gleichgewicht geraten ist wie nie zuvor seit dem Aufstieg vor sechs Jahren. Der Berliner Bundesligist produziert Schlagzeilen, die recht wenig mit dem eigenen Selbstverständnis zu tun haben.

Im Sommer wurde das Motto „playberlin“ ausgerufen. Hertha sollte zum Markenartikel aufgebaut werden. Die Stadt war vollgeklebt mit dem Slogan. Ein Slogan, der die neue Entwicklungsstufe widerspiegeln sollte. Leichtfüßig und selbstbewusst, verspielt und lustvoll. Ein halbes Jahr später ist allen die Lust vergangen.

Hertha hat sich aus dem UefaCup verabschiedet und hinkt in der Bundesliga den eigenen Zielen hinterher. Zu der fehlenden Balance kommt jetzt auch noch fehlende Contenance. In Porto präsentierten sich die Berliner zur besten Fernsehzeit als prügelnde, schlechte Verlierer. Mit diesen Vorfällen wird sich am Freitag das Disziplinarkomitee der Europäischen Fußball-Union befassen. Hertha hat mit sich selbst genug zu tun, zurzeit gerade mit wahlweise tanzenden oder bockigen Brasilianern, an deren Sonderstatus sich viele im Team reiben. Die teuren Einkäufe werden teilweise hofiert, teilweise protegiert, ohne das die Gegenleistung stimmt. Andere Spieler, bei denen die Verträge auslaufen, kämpfen um ihre Zukunft. Die Mannschaft wirkt nicht ausgewogen, geschweige in sich geschlossen. Von einer verschworenen Gemeinschaft ist bis heute nichts zu sehen. Die Stimmung ist angespannt bis gereizt. Die Spieler wirken verunsichert, teilweise eingeschüchtert.

Hertha steckt mitten im Umbruch. Dass so etwas nicht lautlos geschieht, ist verständlich. Aber am Ende kommt alles auf den Ton an. Und der stimmt seit dem Sommer nicht.

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