Sport : Der Traumhüter

Mit 32 Jahren hofft Torwart Richard Shulmistra von den Eisbären auf seinen ersten Titel als Eishockey-Profi

Claus Vetter

Berlin. Es war der schönste Tag in der Eishockey-Karriere des Richard Shulmistra. Der Kanadier hatte gerade sein erstes Spiel für die Florida Panthers in der nordamerikanischen Profiliga NHL absolviert, das Team aus Miami hatte das Lokalderby gegen Tampa Bay Lightning 6:1 gewonnen, und dann kam der russische Superstar Pawel Bure auf ihn zugefahren, klopfte ihm anerkennend auf die Schulter: „Du warst großartig.“ Shulmistra war gerührt. „Ein Spiel in der NHL zu gewinnen, davon habe ich schon als Vierjähriger geträumt“, sagte er.

Der Traum war allerdings schon wenige Tage nach seinem erfolgreichen Debüt im Dezember 1999 bei den Panthers ausgeträumt. Die Stammtorhüter Mike Vernon und Trevor Kidd waren wieder einsatzbereit, die 60 Minuten gegen Tampa sollten der Abschluss einer NHL-Karriere sein, in der Shulmistra vorher lediglich ein Spiel für die New Jersey Devils absolviert hatte. Shulmistra musste den Klub verlassen. Es folgte für den aus Ontario stammenden Kanadier eine Odyssee durch untere Ligen, von der er schließlich nach dem vierten Arbeitgeber binnen zwei Jahren im Sommer 2001 genug hatte. Shulmistra wechselte zu den Eisbären Berlin in die Deutsche Eishockey-Liga (DEL).

Der Weg nach Europa schien sich für Shulmistra zunächst nicht auszuzahlen. In der Vorsaison schafften die Eisbären zwar den Sprung in die Play-offs, dort war für die Berliner aber gegen Mannheim schon in der ersten Runde Endstation. Und als die Eisbären sich in dieser Spielzeit anschickten, die Konkurrenz zu dominieren, verletzte sich Shulmistra an der Leiste. Zwei Monate musste der 32-Jährige zuschauen, wie Ersatztorhüter Oliver Jonas zur Nummer eins im Tor avancierte. Jonas kam vor den Play-offs auf 33 Einsätze, Shulmistra auf nur 19. Da durfte es überraschen, dass Trainer Pierre Pagé zum Viertelfinale auf seinen kanadischen Landsmann setzte. Pagé begründete dies mit der größeren Erfahrung von Shulmistra gegenüber dem 23-jährigen Jonas. Die Entscheidung Pagés hat sich als richtig entpuppt. Shulmistra ist in der Statistik der Play-offs der Torhüter mit den wenigsten Gegentoren – obwohl ihm nachgesagt wird, er lasse zu viele Pucks in die zentrale Zone vor dem Tor abprallen. Im Viertelfinale gegen Hamburg überzeugte Shulmistra ebenso wie in den ersten Halbfinalspielen gegen Krefeld, auch wenn die Berliner zwei Tage nach dem 4:1-Sieg am Freitag eine 2:4-Niederlage hinnehmen mussten.

„Ich erledige nur meinen Job. Außerdem haben wir gute Verteidiger“, sagt Shulmistra bescheiden. Typisch für ihn. Der Kanadier übt sich mit Vorliebe in freundlicher Bescheidenheit. Einen Stammplatz hat er bei den Eisbären nie eingefordert. Nur einmal wurde er ungehalten. Als im Februar sechs Kollegen – darunter Jonas – bei den Eisbären einen neuen Vertrag bekamen, beauftragte er seinen Agenten, einen neuen Arbeitgeber zu suchen. Angeblich lagen schon Angebote aus Schweden, Finnland und der Schweiz vor. Dass ihm Manager Peter John Lee in Aussicht stellte, nach den Play-offs über einen neuen Kontrakt zu sprechen, tröstete Shulmistra wenig: „So lange kann ich nicht warten.“

Längst allerdings ist das Verhältnis Lee und Shulmistra frei von atmosphärischen Störungen. „Richard hatte wenig gespielt, und dann war da seine Verletzung“, sagt Lee. „Wir konnten ihm kein Angebot machen.“ Nun sei die Situation anders: „Wir suchen keinen neuen Torwart.“ Dann passt doch alles, schließlich will Shulmistra „am liebsten in Berlin bleiben“. Wenn er seine bislang tadellose Vorstellung in den Play-offs mit einem Sieg im Finale für die Eisbären krönen sollte, dann wird sein Klub kaum an ihm vorbeiplanen. Schließlich wäre der Gewinn der deutschen Meisterschaft auch für den Torhüter etwas ganz Besonderes, würde sicher auch jenes einmalige Erlebnis mit den Florida Panthers relativieren: Der Titel mit den Eisbären wäre der erste in der Laufbahn des Eishockey-Profis Richard Shulmistra.

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