Sport : Der Unantastbare

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Von Martin Hägele

Miyagi. Wenn „Soccer Digest“, Japans größtes Fußballmagazin, ein Interview mit dem Nationaltrainer benötigt, wählt der Redakteur die Nummer eines deutschen Mitarbeiters in einem Dorf bei Stuttgart. Der klingelt dann auf dem Handy von Philippe Troussier an, um ein Treffen zu vereinbaren. Beim Termin in einem Tokioter Hotel gehen die japanischen Journalisten sofort nach der Begrüßung, während der Franzose und der Deutsche, der das Interview führt, sich glänzend über Fußball und Japan unterhalten. Die Episode zeigt, wie es um das Verhältnis der japanischen Medien zu dem europäischen Chefcoach bestellt ist.

Er mag sie nicht, weil sie von ihrem Job zu wenig verstehen. Was auch verständlich ist, nachdem Fußball in Japans Medien erst seit neun Jahren stattfindet. Doch anstatt von Troussier etwas zu lernen, hat ein großer Teil der Reporter versucht, den Monsieur anzufeinden. Auch Saburo Kawabuchi, ein Ex-Nationaltrainer, Boss der J-League und Vizechef des Verbandes (JFA), hätte es begrüßt, wenn Troussier bald wieder dorthin verschwunden wäre, wo er 1998 hergekommen war: nach Afrika.

Solche Stories traut sich heute kein Journalist zu veröffentlichen. Im JFA-Gebäude sind nun auch die ehemaligen Troussier-Gegner froh, dass sich Verbandspräsident Okano bei dieser zum Teil intrigant geführten Personaldebatte durchgesetzt hat. Derzeit diskutiert das Tokioter Parlament, ob der 47-Jährige, dessen Team heute (8.30 Uhr MESZ) im WM–Achtelfinale auf die Türkei trifft, den „Orden des Volkes“ erhalten soll. Eine Auszeichnung, die bislang nur Naoko Takahashi bekam, nachdem sie in Sydney Marathon-Gold gewonnen hatte. Troussier wäre der höchstdekorierte Ausländer in Japan.

Doch auch bei der Reform der französischen Nationalmannschaft gehört der ehemalige Profi von Angouleme, Red Star, Rouen, Reims zu den Kandidaten, denen es zugetraut wird, den Stolz der Franzosen wieder herzustellen. Diese plötzliche Hochachtung verwundert fast noch mehr als die Ovationen, die nun in Japan auf Troussier prasseln. Der Trainer besaß schließlich keinen großen n und spielte als durchschnittlicher Profi in der zweiten Division.

Anders als viele dieser modernen Vagabunden des Fußballs, die sich von einem Abenteuer zum nächsten durchschlagen, hat sich Troussier seine Prinzipien bewahrt: Alle seine Mannschaften spielen im 3-5-2-System, waren offensiv ausgerichtet und verzichteten auf einen Libero. Trotz dieser riskanten Spielweise hatte Troussier fast überall in Afrika Erfolg: Nigeria führte er zur WM 98, mit Burkina Faso stieß er ins Halbfinale des Afrika-Cups vor. In Afrika hat er den Ehrennamen „White Witch Doctor“ (weißer Medizinmann) bekommen.

Auf kulturellem Gebiet kann sich der eigenwillige Troussier anpassen; allerdings nicht, wenn es um Fußball-Mentalität geht. Auf diesem Gebiet hat er eine Revolution bewirkt - deshalb auch die Anfeindungen. Troussier warf alle Fußballtraditionen über Bord, die in Japan gegolten hatten. Er entließ praktisch eine ganze Generation Nationalspieler. Als Stamm seiner WM-Elf diente ihm die Junioren-Auswahl um Inamoto und Shinji Ono, mit der er 1999 Vizeweltmeister wurde. Für die WM holte er noch Leute wie den Stürmer Suzuki dazu, um das Angriffspotenzial seiner Mannschaft zu erhöhen.

Mit dem Achtelfinale ist sein offizieller Auftrag in Japan erledigt. Aber Troussier will mehr. Einen Job in der englischen Premiere League zum Beispiel oder das bis vor kurzem noch unvorstellbare Erbe Roger Lemerres, des französischen Trainers. „Durch diese WM bin ich in der ganzen Welt anerkannt“, sagt er. Aber selbst wenn seine nächste Station nun nicht Frankreich oder beispielsweise Tottenham sein sollte, seinen Humor hat er nicht verloren. „Warum nicht USA oder Kanada, China, Vietnam oder Singapur"? Und dann lacht er dieses Lachen, das junge und auf Abenteuer erpichte Menschen haben. Oder Globetrotter, die sich überall auf der Welt wohl fühlen.

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