Sport : Der verletzte Star

Nach dem Tod von Marco Pantani werden immer mehr Details seines Lebens bekannt

Vincenzo Delle Donne

Cesenatico. Kuba war für Marco Pantani eine der letzten Hoffnungen. Der italienische Radprofi, der am Wochenende tot in einem Hotelzimmer in Rimini aufgefunden worden war, unternahm die erste Reise auf die Karibikinsel im vergangenen November. Dort traf er auch Diego Armando Maradona, den ehemaligen argentinischen Fußballstar, der wie Pantani unter den Folgen starken Drogenkonsums litt. Im Januar dieses Jahres fuhr Marco Pantani noch einmal nach Kuba, mit vielen guten Vorsätzen. Er nahm sogar sein Arbeitsgerät mit: sein Fahrrad.

Doch der Ortswechsel nützte nichts – wie alles andere auch nicht. Sogar auf Kuba wurde Pantani von seiner Dopingvergangenheit und seiner Kokainsucht eingeholt. Wegen seines Konsums verbotener Rauschmittel bekam er Ärger mit den örtlichen Behörden. Sein langjähriger Freund Michael Mengozzi holte Pantani zurück nach Italien – um ihn vor Schlimmerem zu bewahren. Tiefe Resignation und grenzenlose Enttäuschung bestimmten seitdem seinen Gemütszustand. Auf dem Rückflug von Havanna nach Mailand hatte Pantani Zeit zum Nachdenken. Seine Gedanken kritzelte er in seinen italienischen Pass. Sie werden jetzt nicht als Psychogramm seines Scheiterns gewertet, sondern auch als vage Ankündigung, freiwillig aus dem Leben zu scheiden.

Seine Managerin Manuela Ronchi verlas Pantanis Vermächtnis in seinem Heimatort Cesenatico während der Trauerfeierlichkeiten am Mittwochnachmittag, an der 20 000 Menschen teilnahmen. In den Notizen heißt es: „Ja, ich wurde bloßgestellt – wegen nichts. Vier Jahre lang musste ich mich allen möglichen Gerichten stellen und habe so meine Lust verloren zu leben – wie viele andere Sportler auch.“ Dass er diese Gedanken in seinen Pass schreibt und dadurch mutwillig ein Zeichen seiner italienischen Identität beschädigt, war Pantani bewusst. Er schrieb: „Ich verletzte mich selbst, indem ich die Wahrheit in meinen Pass schreibe: Aber die Welt muss dies erfahren, weil andere Kollegen in den Ruin geführt wurden, mit versteckten Kameras.“ Es war nicht die erste Beschwerde Pantanis über die Ermittlungsbehörden, die ihn wegen diverser Dopingvergehen verfolgten. Ermittler observierten den Radprofi ab 1999 mit versteckten Kameras und Wanzen. Pantani beschrieb seine Gefühle dazu so: „Ich bin kein Lügner, ich empfinde das als eine Verletzung.“

Bei allen Beteuerungen: von seinen Drogen kam Pantani nicht los. Gegenüber dem ermittelnden Staatsanwalt Paolo Gengarelli gab ein Freund Pantanis zu, dass der Radprofi als Kokain-Kunde in Rimini und Umgebung bekannt war. Pantani hatte die Handynummern von Drogendealern, er bestellte bei ihnen direkt. „Je mehr die Ermittlungen weitergehen, desto mehr bin ich davon überzeugt, dass Pantani nicht Selbstmord begangen hat“, kommentierte Staatsanwalt Gengarelli. Der Staatsanwalt rekonstruiert gerade die letzten Wochen vor seinem Tod. Aufschluss könnte dabei Pantanis Handy geben, das er samt Auto in Mailand zurückgelassen hat, bevor er im Hotel „Le Rose“ Quartier für seine letzten Nächte bezog.

Entziehungskuren auf Kuba, Drogenhandel in der Heimat – Marco Pantanis letzte Lebensmonate waren zerrissen zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Um sich von seinen Depressionen und der Drogensucht abzulenken, träumte Pantani zuletzt davon, beim Gesangsfestival von San Remo als Sänger aufzutreten. Ein Lied hatte er bereits verfasst. Der Titel lautete: „Ich werde leise abtreten, wie ich die Bühne betreten habe.“

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