Sport : Der zweite Angriff

Polizei durchsucht Wohnungen in zehn Bundesländern, Staatsanwaltschaft verdächtigt 25 Personen

Tanja Buntrock[Jörn Hasselmann],Friedhard

Berlin - Als Robert Hoyzer gefragt wurde, welches Ausmaß der Wettskandal für den deutschen Fußball habe, sagte er: „Ein sehr, sehr immenses Ausmaß“. Was der Berliner Schiedsrichter damit gemeint hat, war gestern am frühen Morgen in zehn Bundesländern zu beobachten. Die Polizei durchsuchte Wohnungen und Büros an 32 Orten. Die Berliner Staatsanwaltschaft verdächtigt insgesamt 25 Personen, im vergangenen Jahr mindestens zehn Spiele aus der Bundesliga, der Zweiten Liga, der Regionalliga und dem DFB-Pokal manipuliert zu haben. Ihnen wird banden- und gewerbsmäßiger Betrug beziehungsweise Beihilfe dazu vorgeworfen. Auf die Spiele sollen der Inhaber des Berliner Café King Milan S. und zwei seiner Brüder Wetten in Deutschland und im Ausland platziert haben. Es seien Schäden in Millionenhöhe entstanden.

Mehr als 150 Polizisten waren gestern im Einsatz. Bei Schiedsrichter Dominik Marks klingelte das Landeskriminalamt um 7 Uhr in Berlin-Friedenau. Die Wohnung durchsuchten die Beamten jedoch ohne den 29-Jährigen. Nachbarn berichteten, dass Marks mit seiner Frau und seinem Kind am Wochenende das Haus verlassen hatte. Wie es hieß, beschlagnahmten die Ermittler den Computer des Schiedsrichters aus Stendal, der erst seit wenigen Monaten in Berlin wohnt.

Auch bei Schiedsrichter Jürgen Jansen in Essen suchte die Polizei Beweismaterial. Jansen sagte der „Passauer Neuen Presse“: „Ich habe nicht getan, was man mir vorwirft, und ich will tot umfallen, wenn es anders ist.“ Den Schiedsrichter Felix Zwayer soll Hoyzer ebenfalls belastet haben. 14 aktuelle und ehemalige Spieler der Klubs LR Ahlen, Chemnitzer FC, Energie Cottbus, Dynamo Dresden und SC Paderborn finden sich unter den Beschuldigten der Staatsanwaltschaft.

Bisher gehen die Vorwürfe allein auf die Aussagen von Robert Hoyzer zurück. Die verhafteten Brüder aus dem Café King haben sich bisher noch nicht geäußert. Manipulation von Fußballspielen hat erst einer gestanden: Hoyzer selbst. Aktuelle und ehemalige Spieler von Dynamo Dresden und dem SC Paderborn haben nur zugegeben, vor Spielen Siegprämien erhalten zu haben. Fast alle Verdächtigten haben in Eidesstattlichen Erklärungen ihre Unschuld beteuert. Einige wollen auch ihre Vermögensverhältnisse offen legen, wie Schiedsrichter Marks oder Maik Wagefeld vom 1. FC Nürnberg, der früher bei Dynamo Dresden spielte. Der Manager von LR Ahlen, Frank Aehlig wunderte sich. „Bei uns wurde bei keinem Spieler eine Durchsuchung durchgeführt, wir können jetzt nicht 30 Leute unter Generalverdacht stellen.“ Der ehemalige Dresdner Schiedsrichter Wieland Ziller sagte, er habe Strafanzeige gegen Hoyzer gestellt.

Auch bei Bruno Akrapovic wurde in seiner Abwesenheit die Wohnung durchsucht. Der Fußballprofi war früher bei Energie Cottbus und spielt jetzt bei Kickers Offenbach. Akrapovic hält sich zurzeit im Trainigslager in Portugal auf. Er sagte: „Zu meiner Zeit bei Tennis Borussia war ich vielleicht mal im Café King, ich weiß das nicht mehr genau. Außerdem finde ich es schlimm, dass jeder Serbe oder Kroate verdächtigt wird.“ Er selber stammt aus Bosnien.

Als Hintermänner der Wettbetrüger vermutet Hoyzers Anwalt Stephan Holthoff-Pförtner Personen aus dem osteuropäischen Geheimdienstmilieu: „So mancher dieser Leute aus dem europäischen Ausland gehörte früher zum Geheimdienst, die haben sich neue Aufgaben gesucht“, sagte er der Wochenzeitung „Die Zeit“. Er gehe davon aus, dass es vergleichbare Netzwerke wie in Berlin auch in anderen Regionen gebe. Rechtsanwalt Robert Unger, der mit zwei Kollegen die drei Beschuldigten aus dem Café King vertritt, entgegnete: „Das ist absurd. Herr Holthoff-Pförtner verfügt über eine zu lebhafte Phantasie. Er soll sich lieber auf die Fakten konzentrieren.“

Die Staatsanwaltschaft teilte auch mit, dass kein Spieler von Hertha BSC beschuldigt wird. Die Profis Josip Simunic, Nando Rafael und Alexander Madlung haben gegen das Magazin „Focus“ auch eine Einstweilige Verfügung erwirkt, weil es sie mit dem Fall in Verbindung gebracht hatte.

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