Derby-Fieber : Jan Glinker über seine Zeit bei Hertha

"Menschliches bleibt dort völlig auf der Strecke" - das sagt Unions Torhüter Jan Glinker über seine Zeit bei Hertha BSC. Bei Union würde es sich dagegen ganz anders verhalten.

Jan Glinker
Jan Glinker "Bei Union merkt man: Hier wollen die Leute was mit dir erreichen".
Jan Glinker "Bei Union merkt man: Hier wollen die Leute was mit dir erreichen".Foto: Mike Wolff

Hertha BSC, dieser Verein ist beeindruckend – in jeder Hinsicht. Ich erinnere mich noch gut an mein erstes Probetraining bei der Hertha. Damals spielte ich in der B-Jugend des BFC Dynamo. Ich war dort die unumstrittene Nummer eins und erhielt ein Angebot von Hertha. An meinem ersten Tag war ich aufgeregt: Das riesige Gelände, die vielen Trainingsplätze und das professionelle Umfeld – das alles machte mächtig Eindruck auf mich. Ich musste gar nicht lange überlegen und sagte sofort bei Hertha zu. Für jeden Nachwuchsspieler ist es etwas Besonderes, bei diesem Verein zu spielen. Ich war stolz, dass ich das erreicht hatte. Und natürlich wurde ich auch von Freunden und Bekannten immer häufiger angesprochen. Sie wollten wissen, wie es bei Hertha ist und fragten mich über alle möglichen Dinge aus. Wenn man als Berliner für Hertha spielt, ist man ganz automatisch interessant.

Leider lief es für mich nicht so gut. Ich verletzte mich recht früh in der Saison und hatte danach Probleme, wieder in die Mannschaft zu kommen. Ich war nur noch die Nummer zwei und musste mich hinten anstellen. Viel schlimmer als das Sportliche wog aber eine andere Erfahrung, die ich machen musste: Wenn man bei Hertha einmal weg ist vom Fenster, kümmern sich die Leute nicht mehr um dich. Dann werden fünf Neue geholt und man selbst ist Geschichte. Das Menschliche bleibt dort völlig auf der Strecke. Ich will da auch niemandem einen Vorwurf machen, im Profigeschäft ist das halt so.

Ganz anders verhält es sich bei Union. An meinem ersten Tag begrüßte mich Torwarttrainer Frank Orbanke so herzlich, dass ich sofort merkte: Hier wollen die Leute etwas mit dir erreichen. Als Person wird man bei Union ganz anders wahrgenommen. Das hat mir von Anfang an imponiert. Auch der Umgang mit den Profis war unkompliziert. Ich war zu dieser Zeit noch A-Jugendspieler, habe aber schon bei der ersten Mannschaft mittrainiert. Das erleichterte mir den Start enorm.

Bei Union ist einfach alles anders. Auch bei unseren Fans. Was sie beim Stadionbau geleistet haben und wie sie uns unterstützen, verdient den größten Respekt. Bei Hertha hatte ich eher das Gefühl, dass vieles vom Erfolg abhängig ist. Im Olympiastadion wird schneller gepfiffen, wenn es mal nicht läuft.

Im Großen und Ganzen könnten Hertha und Union kaum unterschiedlicher sein. Genau das macht den Reiz des Derbys aus. Seit Wochen freue ich mich auf dieses Spiel. Obwohl ich bei Hertha einige negative Erlebnisse hatte, blicke ich nicht im Zorn zurück oder bin deshalb besonders motiviert, wenn es gegen diesen Verein geht. Vielmehr danke ich Hertha für die Erfahrungen, die ich dort sammeln durfte. Ohne sie wäre ich vielleicht nicht bei Union gelandet. Wer weiß, wie meine Karriere sonst verlaufen wäre. An der Alten Försterei habe ich meine sportliche Heimat gefunden. Ganz unbeteiligt ist Hertha daran nicht.

Aufgezeichnet von Sebastian Stier.

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