Sport : Deutsches Heimspiel auf Mallorca

Weil die Spanier sich nicht für ihr Nationalteam interessieren, findet das Fußball-Länderspiel am Mittwoch auf der Insel statt

Harald Irnberger

Conil. So ganz genau weiß niemand, wie viele Deutsche auf Mallorca leben. Doch die Zahl reicht sicher in den sechsstelligen Bereich. Und darum bestreitet die deutsche Fußball-Nationalmannschaft eine Art Heimspiel, wenn sie am Mittwoch im Stadion der Inselhauptstadt Palma (21.30 Uhr, live in der ARD) zu einem Test gegen Spanien aufläuft. Dieses Match just dort austragen zu lassen, war gleichwohl nicht nur eine Geste der Hausherren. Denn nur mit dieser Örtlichkeit ist reger Publikumszuspruch garantiert. In Madrid oder Barcelona wäre das der spanischen Auswahl nie passiert, auch wenn es gegen den Vizeweltweister geht.

Bei solch einem Freundschaftsmatch steigt bei den einheimischen spanischen Fans das Länderspielfieber nicht gerade an. Folgerichtig beschränkt sich in den spanischen Massenmedien die Debatte im Hinblick auf das Spiel gegen die Deutschen auf die Frage, ob zwei achtzehnjährige Kicker, die im laufenden Meisterschaftbetrieb zu den Senkrechstartern zählen, bei dieser Gelegenheit erstmals eine Team-Chance hätten erhalten sollen: Xabi Alonso vom Tabellenführer Real Sociedad aus San Sebastian und Fernando Torres von Atletico Madrid.

Teamchef Inaki Saez entschied, die Jünglinge bloß zur U-21-Auswahl einzuberufen. Der vom ehemaligen Betreuer der spanischen Nachwuchsteams nominierte Kader zeichnet sich auch so durch jugendliche Frische aus: Real Madrids Stürmerstar Raul ist mit seinen 25 Jahren der Veteran der Elf. Die Mannschaft befindet sich wieder einmal im Neuaufbau, seit der frühere Real-Madrid- Verteidiger José Antonio Camacho im Sommer nach der Asien-WM seinen Posten als Nationaltrainer aufgab, weil er lieber wieder einen Verein trainieren wollte. Das macht er nun bei Benfica Lissabon, und zwar nicht bloß wegen des Einkommens, sondern auch wegen des geringen Stellenwerts, den die Nationalmannschaft im Lande der multinationalen Starensembles von Real Madrid oder Barcelona allgemein besitzt. Als er noch im Amt war, klagte Camacho darüber, dass die Meisterschaft nirgendwo in Europa länger dauert als in Spanien und in keinem anderen Land so viele Vereinsmannschaften in europäischen Wettbewerben engagiert sind.

Camachos Job wollte in der Folge auch keiner der spanischen Spitzentrainer haben – so ging das Amt an Saez, den ein Verein wohl nicht eingestellt hätte. Bei den Vereinen haben inzwischen zwar vielfach Einheimische die zuvor überwiegend ausländischen Trainer abgelöst, doch die Top-Stars der Liga sind weiterhin vor allem Ausländer. Neben denen haben nicht viele spanische Nachwuchsleute die Chance, sich für das Nationalteam zu empfehlen. Nicht jeder hat so viel Glück wie der in den Fohlenteams von Real Madrid aufgezogene linke Außenverteidiger Raul Bravo (22). Im Verein stand er im Schatten des Brasilianers Roberto Carlos. Und nur weil der nach der letzten WM etwas länger in den Ferien bleiben durfte, kam Bravo in den Saisonvorbereitungsspielen zum Zug. Das reichte für die Team-Berufung. Inzwischen hat er einen Stammplatz, obwohl er bei Real Madrid seit Meisterschaftsbeginn nur sporadisch zu Einsätzen kam. Die Königlichen haben ihn jetzt an Leeds United ausgeliehen, damit er Spielpraxis bekommt.

Viel mehr beschäftigt die Spanier aber derzeit das immer wiederkehrende Dilemma der spanischen Autonomiebestrebungen. Zumindest der Niederländer Johan Cruyff (Ex-Spieler und -Trainer des FC Barcelona) und der Argentinier Jorge Valdano (Ex-Spieler und -Trainer sowie Sportdirektor von Madrid) waren sich kürzlich in einer Diskussion in der Zeitung „El Pais“ einig darin, dass Spanien endlich zu einer Einheit finden müsse. „Es gibt große Unterschiede in den Mentalitäten. Hier ist man Galicier, Baske, Katalane, Andalusier. Aber wer im Nationalteam spielt, soll Spanien als Ganzes repräsentieren, obwohl er von vielen Leuten aus anderen Regionen beinahe als Feind betrachtet wird", befand Cruyff. Valdano ergänzte: „Für einen Argentinier ist es sehr wichtig, bei River oder Boca zu spielen. Aber noch wichtiger ist es, in der Auswahl zu stehen.“

Für einen Spanier gilt das nicht. Deshalb ist es ganz gut, wenn die Deutschen morgen ihr eigenes Publikum auf Mallorca haben.

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