DFB-Pokal : Der Geist von Scheeßel

Wenn das Spiel im DFB-Pokal zwischen dem Hamburger SV und Werder Bremen heute friedlich bleibt, liegt das auch an einem Treffen vor 27 Jahren.

Lars Spannagel
Fußballfans führen Gespräche nach Tod eines Jugendlichen
Fangruppen. Versöhnende Gespräche nach dem Spiel.Foto: dpa

Berlin - Nach dem Schlusspfiff spielt das Ergebnis keine Rolle mehr. Der Hamburger SV hat im Oktober 1982 gerade Werder Bremen mit 3:2 aus dem DFB-Pokal geworfen – doch die Fans beider Klubs sprechen nur über Adrian Maleika. Der 16 Jahre alte Werder-Anhänger ist vor dem Spiel zusammen mit anderen Bremern auf dem Weg zum Volksparkstadion von HSV-Fans angegriffen worden. Flaschen und Pflastersteine prasseln auf die Bremer nieder, ein Stein trifft Maleika am Kopf. Der Glaserlehrling erleidet einen Schädelbasisbruch und stirbt am nächsten Tag im Krankenhaus, als erstes Opfer einer Fanfehde im deutschen Fußball.

Nachdem der Angriff bekannt wird, droht die ohnehin große Rivalität der beiden Fanszenen zu eskalieren. Narciss Göbbel, der Vorsitzende des damals einzigen deutschen Fanprojekts in Bremen, stand nur ein paar Meter entfernt, als die Steine flogen. „Danach gab es wüste Beschimpfungen“, erinnert sich Göbbel. „Werder-Fans drohten den Hamburgern: Ihr werdet noch von uns hören!“ Doch zu Racheakten und der befürchteten Gewaltspirale kommt es nicht. Wenn Werder und der HSV heute im DFB-Pokal und in den nächsten 19 Tagen auch im Uefa-Cup und in der Meisterschaft aufeinandertreffen, wird es voraussichtlich weitgehend friedlich bleiben. Denn der Tod Adrian Maleikas führte zu einem Treffen der rivalisierenden Fangruppen, das bis heute nachwirkt: dem Frieden von Scheeßel.

Nach der Tragödie ist den Verantwortlichen in Bremen und Hamburg klar, dass sie reagieren müssen. „Das war ein schrecklicher Schlag für alle, die sich für Fußball interessierten“, erinnert sich Willi Lemke, der Werder damals managt und nur 500 Meter entfernt von Maleika wohnt. In enger Zusammenarbeit mit dem Bremer Fanprojekt und Hamburger Fanklubs wird ein Treffen vereinbart, auf neutralem Boden. Man einigt sich auf die Kleinstadt Scheeßel, auf halbem Weg zwischen den beiden Städten. Ein Gasthof wird angemietet, neben Lemke reist auch HSV-Manager Günter Netzer an. Der Saal füllt sich schnell, 200 Anhänger beider Klubs wollen ihre Meinung sagen, diskutieren. Und: zuhören. „Es begann eine Debatte: Wo sind die Grenzen der Auseinandersetzung? Wofür sind wir verantwortlich?“, erinnert sich Göbbel. Am Ende der stundenlangen Veranstaltung steht eine Art Waffenstillstand und die Übereinkunft, Provokationen zu unterlassen und keine Rache für den Tod Adrian Maleikas zu nehmen. „Wir haben uns geschworen, dass wir uns zurückhalten müssen“, sagt Lemke.

Das Experiment ist gelungen: Erstmals sind rivalisierende Fußballfans in sachlicher Atmosphäre in einer moderierten Diskussion aufeinandergetroffen und haben auch mit ihren Klubs auf einer Augenhöhe gesprochen. Vereine sahen ein, dass sie eine Verantwortung für ihre Fans übernehmen mussten und viele Probleme nur gemeinsam mit ihnen lösen können. Der Erfolg von Scheeßel motivierte viele Klubs, ebenfalls Fanprojekte nach Bremer Vorbild ins Leben zu rufen.

27 Jahre später lieben sich die Fans der beiden Vereine immer noch nicht. „Die Beziehung ist eher wieder härter geworden, gerade bei den Hardcore-Fans“, sagt Willi Lemke. Ein HSV-Sponsor verteilt in Hamburg Aufkleber mit der Aufschrift „Werder? Wer???“, auch die Bremer Fans reisen heute nicht zu einem Freundschaftsbesuch an. Der HSV-Fanbeauftragte René Koch erwartet für die heutige Partie und die drei folgenden Derbys „sehr emotionale“ Spiele. „Aber die Vergangenheit hat gezeigt, dass die Vereinbarungen von Scheeßel keine Lippenbekenntnisse waren“, sagt Koch. Auch die Mitarbeiter des Bremer Fanprojekts stellen sich auf viel Arbeit und eine „ganz besondere Spannung“ ein. „Die Derbys haben auch eine besondere Verpflichtung, dass so etwas wie 1982 nie wieder passiert“, sagt Thomas Hafke vom Werder-Fanprojekt. „Obwohl die jüngere Generation den Namen Adrian Maleika gar nicht mehr kennt.“

Am 30. April, acht Tage nach dem DFB-Pokalspiel, reist der HSV-Anhang dann für das Hinspiel im Uefa-Pokal nach Bremen. Normalerweise bereiten Hafke und seine Kollegen bei Europapokalspielen ein Fan-Freundschaftsfest vor. In dieser Saison feierten die Werder-Fans schon mit Gästen vom AC Mailand, dem AS Saint-Etienne oder Panathinaikos Athen. „Das fällt diesmal flach“, sagt Hafke. „Die Fans haben da keinen Bedarf.“

Ein Derby bleibt eben ein Derby, selbst wenn keine Pflastersteine mehr fliegen.

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