DFB : Zwanzig gegen Zwanziger

Nur wenige Amateure demonstrieren gegen den vom DFB verabschiedeten neuen Grundlagenvertrag. Künftig gibt es ein Bundesligaspiel am Sonntag um 15.30 Uhr.

Robert Ide[Düsseldorf]
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Einig im Rampenlicht. Der Außerordentliche Bundestag des DFB verabschiedete den neuen Grundlagenvertrag mit nur einer Gegenstimme....

Reiner Grundmann hatte sich die getönte Brille aufgesetzt. Er blinzelte in die Sonne am Düsseldorfer Rheinufer und sagte: „Vielleicht sind ein paar Leute lieber in den Biergarten gegangen.“ Einige Freunde des Vorsitzenden des Gelsenkirchener Kreisligisten SC Schaffrath hatten sich schon telefonisch bei ihm abgemeldet – sie waren bereits auf dem Weg nach München, wo am Samstag ihr Lieblingsverein FC Schalke 04 antritt. Und so kam es, dass Grundmanns Protest gegen den Deutschen Fußball-Bund (DFB), den er als Großdemonstration der Fußballamateure angemeldet hatte, auf zwanzig Mann zusammengeschrumpft war. Sie trugen rote T-Shirts mit der Aufschrift „Bundesliga am Sonntag um 15.30 Uhr: Nein!“ und Plakate, auf denen stand: „Pay-TV? Ohne uns!“

Drinnen im klimatisierten Kongresszentrum zupften sich die gut 200 Fußballfunktionäre, vorwiegend verdiente Herren, an den Ärmeln ihrer dunklen Anzüge und scherzten: „Wo geht’s denn hier zur Großdemonstration?“ Die Vollversammlung des DFB konnte sich am Freitag ohne störende Protestgeräusche mit ihrem Alltagsgeschäft der Sportverwaltung befassen – und kam dabei doch wieder auf die Grundfrage zurück, die draußen angesprochen wurde: Wie kann der deutsche Fußball zusammengehalten werden?

Theo Zwanziger hat diese Grundfrage längst verinnerlicht. „Ich kämpfe hier für die Einheit des Fußballs“, rief er den applaudierenden Delegierten zu. Auch dem DFB-Präsidenten ist offenbar bewusst, dass sein Verband sanft, aber doch spürbar von zwei Seiten unter Druck gerät: sowohl von der Basis als auch von der Spitze. Der neue Grundlagenvertrag zwischen DFB und der Deutschen Fußball-Liga (DFL), dem gestern der Kongress bei lediglich einer Enthaltung zustimmte, spiegelt genau diese Probleme wider: Der Amateurfußball bangt um seinen angestammten Platz, der Profifußball um seine internationale Wettbewerbsfähigkeit. „Der Grat, auf dem wir uns bewegen, ist schmal“, gibt DFL-Geschäftsführer Christian Seifert zu. „Aber wenn die Bundesliga als überkommerzialisiert wahrgenommen werden würde, hätte sie nicht jede Woche so viele Fans.“

Der neue Grundlagenvertrag jedenfalls ist ein Erfolg für Seifert und seine Vereinigung der 36 Profivereine. Zwar führt die Bundesliga weiterhin drei Prozent der Einnahmen aus Fernsehvermarktung und Ticketverkauf an den DFB ab, im Gegenzug erhält der Ligaverband 18 Prozent der Vermarktungseinnahmen aus den Länderspielen des DFB. Bei diesem gegenseitigen Geschäft macht der DFB derzeit zehn Millionen Euro Gewinn, für die kommenden drei Jahre wird dieser Gewinn allerdings gedeckelt – auf durchschnittlich nur noch fünf Millionen Euro pro Jahr. „Im Wesentlichen wahren wir den Status quo“, sagt Zwanziger, der noch einige Zuschüsse für die Landesverbände aushandeln konnte und der auch um das schwierige Umfeld für den Profifußball weiß.

Die Bundesliga ist eben selbst unter Druck. „Die Rahmenbedingungen für uns haben sich massiv verschlechtert“, klagte Ligapräsident Reinhard Rauball. Schließlich sind die deutschen Spitzenvereine finanziell auf den einzigen deutschen Bezahlsender Premiere angewiesen. Der Sender, der selber mehr zahlende Kunden benötigt und der seine Zuschüsse an die Bundesliga im neuen Fernsehvertrag um 20 Millionen Euro gekürzt hat, konnte im neuen Fernsehvertrag ein Bundesliga-Topspiel am Sonntag um 15.30 Uhr durchsetzen.

Das allerdings fällt in die Spielzeit der Amateurklubs, die besonders im fußballtradionsreichen Ruhrgebiet um ihre Zuschauer fürchten. „Man wird die Auswirkungen vielleicht erst in drei oder vier Jahren sehen, wenn einige Vereine dichtmachen müssen“, befürchtet Reiner Grundmann, der nach seiner Kleindemonstration noch vom DFB in den Kongresssaal gebeten wurde. Inzwischen denkt der Aktivist über wirkungsvollere Protestformen nach: „Vielleicht müssen die Fans mal ein Sonntagsspiel boykottieren oder ihr Premiere-Abo kündigen.“ Er selbst hat sein Abo noch. Am Samstag spielt schließlich Schalke 04 in München.

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