Sport : Die Achterbahn der Gefühle hält unten

Alba Berlin verpasst es, eine verrückte Saison zu krönen und verliert in letzter Minute 65:72 in Bamberg

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Den Traum entrissen. Die Bamberger Predrag Suput (links) und Casey Jacobsen (rechts) nehmen Alba Berlins Miroslav Raduljica den Ball – und die Hoffnung auf den Titel. Foto: dapd
Den Traum entrissen. Die Bamberger Predrag Suput (links) und Casey Jacobsen (rechts) nehmen Alba Berlins Miroslav Raduljica den...Foto: dapd

Bryce Taylor sprang über das Feld und feuerte mit hochgerissenen Armen den Berliner Fanblock an, die rote Mehrheit der Zuschauer in der Bamberger Arena schwieg betreten. Gerade hatte Alba Berlins Flügelspieler seine Mannschaft durch einen Dreipunktewurf mit 64:62 in Führung gebracht, eineinhalb Minuten vor dem Ende des fünften Finalspiels um die deutsche Basketball-Meisterschaft schien der Sieg und damit das glorreiche Ende einer verkorksten Saison zum Greifen nah.

Doch die Berliner Basketballer blieben sich auch in ihrem absolut letzten Saisonspiel gegen den Titelverteidiger Baskets Bamberg treu. Auf großen Jubel folgte große Trauer: Bamberg antwortete mit zwei Dreipunktewürfen, den Berlinern wollte nichts mehr gelingen, sie verloren 65:72 (30:29). Bamberg holte somit zum zweiten Mal in Folge das Double aus Pokalsieg und Meisterschaft, Albas Achterbahnfahrt der Gefühle blieb das märchenhafte Happy End verwehrt.

Vor genau einem halben Jahr hatte Alba in der Bamberger Arena mit einem 52:103-Debakel die höchste Niederlage der Vereinsgeschichte erlitten. In den 182 Tagen seit jenem schmachvollen 18. Dezember 2010 hatten die Berliner noch viele weitere Tiefen durchlebt – sowie einen Trainer- und mehrere Spielwechsel –, nur um rechtzeitig zur alles entscheidenden Saisonphase ihre beste Form zu finden. Im vierten Finalspiel am Dienstag hatten die Bamberger beim 87:76-Sieg der Berliner frustriert und ratlos gewirkt, Trainer Chris Fleming hatte gar die Einstellung seiner Profis bemängelt.

Von fehlendem Einsatz war am Sonnabend allerdings rein gar nichts mehr zu sehen. Ein bisschen Nervosität schien aber im Spiel zu sein: Bambergs 2,15 Meter großer Nationalspieler Tibor Pleiß scheiterte beim Korbleger an der Ringkante, Albas ebenso großer Center Miroslav Raduljica stellte sich auf der anderen Seite auch nicht geschickter an. Die Gastgeber gingen mit einer 16:13-Führung in die Pause nach dem ersten Viertel. Im zweiten Viertel war es Kyle Hines, der die Mannschaft des Berliner Trainers Muli Katzurin vor große Probleme stellte: Der bullige Center punktete in Korbnähe oder war nur durch Fouls zu stoppen, Bamberg ging 28:20 in Führung, Katzurin verlangte eine Auszeit. Und der 56-Jährige, der schon zuletzt mehrmals den richtigen Kniff gegen die Bamberger gefunden hatte, schien abermals die richtige Ansprache aus seinem reichen Erfahrungsschatz hervorgekramt zu haben: Alba erzielte die nächsten sechs Punkte, ließ in den gut fünf Minuten bis zum Ende der ersten Halbzeit nur noch einen Punkt zu und ging mit einem knappen 30:29 in die Pause.

Den Bambergern war in dieser Phase der große Druck anzumerken, den sie sich mit ihrer herausragenden Saison selbst auferlegt hatten. Bamberg war in eigener Halle von einer deutschen Mannschaft in dieser Spielzeit noch überhaupt nicht besiegt worden, weder in 24 Bundesligapartien, noch in zwei Pokalspielen. Daran hatte die einschüchternde Atmosphäre in der Bamberger Arena sicherlich einen gewaltigen Anteil gehabt, auch gestern tobten und brüllten die Fans der Baskets, die rund 700 mitgereisten Alba-Anhänger hielten so gut es ging dagegen.

Mit Beginn der zweiten Hälfte erreichte die Lautstärke in der „Frankenhölle zu Freak City“, wie der Hallensprecher betonte, endgültig gesundheitsgefährdende Dezibelwerte. Nicht nur die Fans der Gastgeber, auch die Berliner Spieler sprangen alle paar Sekunden auf, um ihre Kollegen anzufeuern oder gegen eine Schiedsrichterentscheidung zu protestieren. Die Routiniers Sven Schultze und Patrick Femerling wollten sich gar nicht mehr hinsetzen. Alba blieb in Führung – und Bryce Taylor ließ den immer lauter werdenden gelben Berliner Fanblock erst richtig ausflippen. Albas Flügelspieler zog zum Korb, stieg hoch und prügelte den Ball mit Urgewalt über den Bamberger Predrag Suput hinweg zum 40:36 in den Korb. Dann grinste er den auf dem Hosenboden sitzenden Suput genüsslich an und ließ auf dem Rückweg zum eigenen Korb noch einige Freudensprünge folgen. Auch Heiko Schaffartzik blickte mit leichter Provokation in Richtung der Bamberger Fans, nachdem er mit der Schlusssirene des dritten Viertels zum 52:48 für Alba getroffen hatte.

Die Bamberger reagierten mit dem immensen Selbstvertrauen eines Teams, das seit langer, langer Zeit kein Heimspiel mehr verloren hat: Sie erhöhten noch einmal den Druck in der Verteidigung, zwangen Alba zu Ballverlusten und gingen dank einer 8:0-Serie wieder selbst in Führung. Das Spiel wurde nun hektischer, wozu neben mehrerer kerniger Fouls von Schultze auch die bis dahin sehr guten Schiedsrichter mit einigen Fehlentscheidungen beitrugen. Julius Jenkins, mit 22 Punkten bester Berliner Werfer, ließ sich nicht aus der Ruhe bringen und traf per Dreier zum 59:58. Doch die Bamberger John Goldsberry und Brian Roberts hatten noch bessere Nerven, ihre Treffer machten Bamberg am Ende zum alten und neuen Meister. „Wir haben immer zusammengehalten“, sagte Bambergs Center Pleiß nach dem Sieg. „Das war eine geile Zeit.“

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