Sport : Die Angst des Establishments

Christian Hönicke

Neuerungen rufen beim Establishment gewöhnlich Furcht und Ablehnung hervor. Verständnis für Reformen ist zwar grundsätzlich vorhanden, das Verständnis für konkrete Maßnahmen dagegen selbst im Angesicht des Verfalls nicht. Schon lange betrachten die Besitzstandswahrer im Umfeld des Deutschen Fußball-Bundes misstrauisch das unorthodoxe Vorgehen von Bundestrainer Jürgen Klinsmann.

Jetzt hat Klinsmann mit dem ungewöhnlichen Vorschlag, den Hockey-Bundestrainer Bernhard Peters zum neuen DFB- Sportdirektor zu machen, endgültig Deutschlands Fußball-Konservatoren gegen sich aufgebracht. Allen voran den Kern des DFB-Apparates, der den fachfremden Fachmann als Attacke auf die eigene Daseinsberechtigung sieht, und die „Bild“-Zeitung, der die Kontrolle über Deutschlands wichtigste Mannschaft durch Klinsmanns neuesten Coup weiter aus der Hand zu gleiten droht. Über dem Aufbegehren gegen Peters thront die Angst, selbst das nächste Opfer der Reformen zu werden oder zumindest persönliche Nachteile daraus zu ziehen. Sie ist so groß, dass plötzlich wieder Matthias Sammer ein Kandidat ist, obwohl der eigentlich schon längst aus dem Rennen war.

Sportlich betrachtet spricht wenig gegen Peters’ Verpflichtung. Er hat ein erfolgreiches Talentförderungssystem entwickelt und die Trainerausbildung bedeutend weiterentwickelt. Das alles kann dem deutschen Fußball, der seit Jahren Probleme mit dem Nachwuchs und altvorderen Trainingsmethoden hat, nur behilflich sein. Es verwundert nicht, dass fast alle Fußball-Fachleute Peters’ möglicher Berufung positiv entgegensehen.

Wo also liegt das Problem? Es ist die Botschaft, die Jürgen Klinsmann verbreitet. Sie lautet: Im deutschen Fußball wird nichts mehr sein, wie es noch vor ein paar Jahren war. Das ist schlecht für das Establishment – aber gut für den Fußball.

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