Sport : Die Angst springt mit

Anke Piper ist Europameisterin vom Turm – aber der Sport hat für sie Grenzen

Frank Bachner

Greg Louganis hatte keine Chance, und er wusste es sofort. Nur die Zuschauer sahen es nicht, die meisten jedenfalls, sie hatten nicht diesen Blick für die Feinheiten beim Wasserspringen. Deshalb kreischten und schrien sie erst, als Louganis, dieser Ausnahmekönner aus den USA, in der Schwimmhalle von Seoul mit dem Hinterkopf bei einem seiner spektakulären Sprünge vom Drei-Meter-Brett das Brett streifte und dann mit einer Kopfwunde ins Wasser eintauchte. Es ist ihm nicht viel passiert, er wurde damals trotzdem Olympiasieger, 1988 in Südkorea. Aber Anke Piper sah den Sprung auch, sie saß vor dem Fernseher, und ein paar Sekunden lang war sie „total geschockt“. Sie ist selber Kunstspringerin. Sie hat sofort gesehen, dass es schief gehen würde. „Kenner bemerkten das sofort, Louganis hat es auch sofort gemerkt“, sagt sie. Aber er brach den Sprung nicht ab, er war schon in der Rotation.

Der Unfall ist jetzt 15 Jahre her, aber Anke Piper hat die Bilder immer noch präsent. Nicht so, dass sie dauernd dran denken würde, aber sie haben sich eingegraben in ihr Gedächtnis. Sie lösen in bestimmten Momenten etwas aus. Angst lösen sie aus, nackte Angst. Anke Piper vom Berliner TSC ist jetzt 31, sie ist Europameisterin im Turmspringen, sie hat 100 000 Sprünge gemacht, vielleicht sogar mehr. Sie hat die Bewegungen automatisiert, sie beherrscht viele dieser Rotationen im Schlaf, und in den meisten Fällen denkt sie nicht an Verletzungen oder an den Beton der Sprungplattform, den sie streifen könnte. Sonst könnte sie nicht springen. Sie wird auch heute nicht daran denken, ganz bestimmt nicht, denn heute kämpft sie um eine Medaille im Turmspringen bei der WM in Barcelona.

Aber 100 000 Sprünge haben aus Anke Piper keinen Roboter gemacht. Angst? Hat eine 31-jährige Europameisterin noch Angst? Was für eine Frage. „Klar habe ich Angst.“ Nie im Leben würde Anke Piper den dreieinhalbfachen Salto rückwärts gehockt springen. „Da kommt dann die nackte Angst“, sagt Piper. Es ist der zweitschwierigste Sprung der Welt, in Europa zeigt ihn nur die Dresdenerin Annett Gamm. Anke Piper kann ihn nicht springen, weil sie in der Luft nicht genügend Orientierung hat. Turmspringerinnen brauchen irgendeinen Fixpunkt bei ihrer Rotation, sie müssen wissen, wann sie ihren Körper wieder strecken müssen. „Beim dritten Salto muss ich das Wasser sehen. Dieser Blick fehlt mir“, sagt sie. Er fehlt ihr nur bei diesem Sprung, das muss man dazu sagen. Natürlich hat sie ihre Fixpunkte, sonst könnte sie ja keine anderen schwierigen Sprünge zeigen. Aber der dreieinhalbfache Salto rückwärts gehockt geht an die Grenzen der Leistungsfähigkeit.

Manchmal kommt da der Reiz, ihn doch zu probieren, diesen Sprung. Sie ist ja gewohnt an Grenzen zu gehen, und man könnte ja mal die absolute Grenze austesten. „Aber dann siegt die Vernunft über den Kitzel.“ Denn dann tauchen reflexartig diese Bilder auf. Von Louganis, der das Brett streifte. Ausgerechnet Louganis, der vollkommenste und erfolgreichste Kunstspringer aller Zeiten. Oder, noch schlimmer, die Bilder von Andreas Wels. Der Kunstspringer Wels aus Halle an der Saale ist im April 2001 bei einem Lehrgang in Berlin aufs Brett geknallt. Er hat es nicht bloß gestreift wie Louganis, „ihm wurde ja fast der Schädel gespalten“, sagt Piper. Wels sagt selber: „Ja, damals wäre ich fast gestorben.“ Er blieb bewusstlos mit einer schweren Gehirnerschütterung liegen. Wels hatte keine Folgeschäden, aber er benötigte ein Jahr, um den Unfall zu verdrängen.

Anke Piper war nicht dabei, sie hat davon nur gehört, aber das reichte, damit sie Bilder vor Augen hatte. Eine Turmspringerin benötigt da nicht viel Phantasie. „Ich war total schockiert“, sagt sie. Sie selber hat mal mit den Haaren den Turm berührt, da war sie 14 Jahre alt. Und mit dem Zeh streifte sie mal den Beton, sie hat dabei kaum etwas bemerkt, „das tut nicht weh“.

Aber sie hat auch erlebt, wie eine Springerin „einen Blackout hatte“, völlig die Kontrolle verlor, und „dann wie Treibgut im Wasser lag“. Diese Bilder erzeugen die Angst. Und die lässt sich auch nicht durch intensives Training überwinden. „Ich kann diesen Sprung nicht, ganz einfach.“ Sie ist 31, das ist in diesem Moment ein Vorteil. Anke Piper sagt: „Ich muss mir nichts mehr beweisen.“

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