Die Bayern kommen : Berlin, Berlin, wir feiern in Berlin

Der FC Bayern München bejubelt vorzeitig den Gewinn der deutschen Meisterschaft – die ganz große Party soll aber erst nach dem letzten Spieltag bei Hertha BSC im Berliner Olympiastadion steigen.

Thomas Becker

Die Feierstunden begannen schon vor dem Abpfiff, nämlich kurz nach halb fünf. Der Ball zirkulierte ausnahmsweise mal unspektakulär durchs Bayern-Mittelfeld, als ein Aufschrei durch die Münchner Arena ging. So laut war das Getöse, als hätte Arjen Robben gerade per Fallrückzieher das 5:4 im Champions-League-Finale gegen Inter Mailand erzielt. Hatte er aber nicht. Es stand 2:0. Gegen Bochum. Die Fans jubelten über einen Treffer, der viele hundert Kilometer entfernt in Gelsenkirchen gefallen war. Das 1:0 von Mesut Özil war für die Bayern- Fans der schönste Treffer, den die Bayern nicht selbst erzielt haben. Philipp Lahm beschrieb seine Gefühle bei Bremens erstem Tor so: „Absolutes Gänsehautfeeling.“

Eine halbe Stunde später war es amtlich: Schalke hatte verloren, Bayern 3:1 gewonnen und damit vor dem letzten Bundesligaspieltag und der Partie bei Absteiger Hertha BSC drei Punkte und 17 Tore Vorsprung auf Schalke, war also „virtueller Meister“, wie Trainer Louis van Gaal sagte. Die Feierstunden gingen weiter, wenn auch vorsichtig. Das Bochum- Spiel war schon zwei Minuten Geschichte, doch erst als in Schalke abgepfiffen wurde, brach in München der rotweiße Jubeltanz los.

Ausgerechnet den nicht gerade als Partytiger bekannten Torhüter Jörg Butt schickten die Meisterhüpfer vor die Südkurve, um sich von den Fans das obligatorische Humba-Humba-Humba-Tätärä abzuholen. Das klappte derart mittelmäßig, dass Dreifach-Torschütze Thomas Müller ihm beisprang und den Zaun Richtung Fans enterte. „Der Jörg hat so seine Probleme mit den Fangesängen“, sagte Müller. Auch vor der Nordkurve hakte die Party. Hier sollte Franck Ribéry den Vorsänger geben, doch offenbar mussten ihm die Kollegen noch mal vorbuchstabieren. Miroslav Klose zog den Widerstrebenden mit einem Ruck am Arm zu den Fans.

Gemeinsam kriegen sie eben alles hin, die Bayern. „Diese Mannschaft imponiert mir“, sagte Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge, „sie hat große Leidenschaft und großen Willen.“ Der Wille nach dem erlösenden Sieg bestand darin, sich beim Feiern noch zu bremsen. Und das hatte seinen guten Grund. „Wir haben noch zwei Titel im Kopf, wir sind noch brav“, sagte Martin Demichelis. Diese Linie hatte die Vereinsführung vorgegeben. „Wir haben festgelegt, dass wir auf eine Feier verzichten, selbst wenn Schalke verlieren sollte“, berichtete Rummenigge. „Wir werden es nach dem letzten Spiel in Berlin richtig krachen lassen.“

Mindestens ein Korken ist dann doch explodiert in der Bayern-Kabine, nur, wer der Flaschenschüttler war, blieb ungeklärt. Laut Rummenigge und Diego Contento hatte Bastian Schweinsteiger versucht, Trainer und Vorstand mit Champagner zu baden, was dieser energisch abstritt: „Der van Bommel war’s!“ Wer auch immer es war, er war dem Augenzeugen Holger Badstuber zufolge sehr treffsicher: „Der Trainer hat am meisten abbekommen. Dann ist er weggerannt und hat sich versteckt.“ Van Gaal kommentierte die Attacke gewohnt sachlich: „Das Problem ist, dass ich schon Champagner getrunken habe.“

Mittlerweile haben auch die Münchner verstanden, wie der Holländer tickt. Manche haben auch sein Selbstverständnis adaptiert: „Wir wissen, dass wir unsterblich werden können, und das wollen wir auch alle.“ Sagte Holger Badstuber, ein 21-Jähriger, der vor einem Jahr noch in der Dritten Liga spielte.

Während 500 Fans schon hupend und fahnenschwenkend die Leopoldstraße, Münchens Feiermeile, besetzt hatten, gab van Gaal noch seine eigene Show. „Ich habe auch meine Töchter und meine Enkel eingeladen, weil ich erwartet habe, dass wir es heute schaffen“, sagte der Holländer, „das habe ich ihnen geschenkt.“ Auf der Pressekonferenz nach dem Spiel gab er wieder ein paar schöne Selbsteinschätzungen: „Es gibt nicht viele Trainer in Europa, die das Glück haben, in drei Ländern Meister zu werden.“ Oder: „Mein großes Vorbild war Rinus Michels. Der ist mit Holland 1988 Europameister geworden. Er war in Köln und Leverkusen und hat das hier nicht geschafft. Und ich habe das geschafft.“ Oder, noch schöner: „Ich habe zum Vorstand gesagt, dass wir alle Titel feiern werden. Ich bin ein Feierbiest.“ Diesmal feierte das Biest noch mit Familie.

Am nächsten Wochenende wird das anders aussehen.

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