Sport : Die Comeback-Queen

Selbst eine lebensbedrohliche Krankheit konnte Serena Williams nicht stoppen: Sie ist zurück ganz oben.

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Noch Luft nach oben. Serena Williams hob nach ihrem fünften Wimbledon-Titel ab. Foto: AFP Foto: AFP
Noch Luft nach oben. Serena Williams hob nach ihrem fünften Wimbledon-Titel ab. Foto: AFPFoto: AFP

Es dauerte eine Weile, bis sich Serena Williams ihren Weg hinauf in ihre Box gebahnt hatte. Denn obwohl es bereits ihr siebtes Endspiel von Wimbledon gewesen ist, waren ihr die Gegebenheiten auf der Tribüne des Centre Courts nicht sonderlich vertraut. Nie zuvor war sie nach einem ihrer Siege hier hochgeklettert, prompt verirrte sie sich auf den Treppenaufgängen. Ein freundlicher Steward wies ihr den Weg zu ihrer Familie. Dieser fünfte Wimbledon-Sieg hat einen ganz besonderen Stellenwert für die 30 Jahre alte US-Amerikanerin. Es sei für sie „das Ende eines unglaublichen Weges“, sagte sie später mit zittriger Stimme. „Es ist ganz speziell, ein Riesen-Comeback für mich.“

Vor zwölf Monaten erst war Serena Williams auf die Tour zurückgekehrt, nach einer fast einjährigen Leidenszeit, die nach ihrem vorigen Wimbledon-Triumph 2010 ihren ominösen Anfang genommen hatte. In einem Münchner Restaurant soll Williams ihren Sieg gefeiert haben und dabei in eine Glasscherbe getreten sein. „Wir verließen das Restaurant, plötzlich fühlte ich etwas. Dann sah ich nur noch Blut und wurde ohnmächtig“, sagte sie damals. Zeugen für den Vorfall, der zwei Operationen nach sich zog, gab es nicht. Auch wie sie sich dabei eine Verletzung auf dem Spann zuziehen konnte, ist unklar.

20 Wochen sei sie nach der Operation ans Bett gefesselt gewesen. Und es sollte noch schlimmer kommen. Zunächst bildete sich ein Hämatom im Magen, dann erlitt sie eine Lungeembolie mit Blutgerinseln in einem Lungenflügel. „Hätte man es zwei Tage später entdeckt, wäre es vielleicht zu spät gewesen“, sagte Williams, „ich konnte nicht atmen und dachte zunächst nur, ich sei außer Form. Aber ich lag auf dem Sterbebett meiner Karriere und meines Lebens.“ Ihre Familie habe ihr Mut gemacht, als sie längst aufgeben wollte.

Als Serena Williams am Samstag die Polin Agnieszka Radwanska mit 6:1, 5:7 und 6:2 bezwungen hatte sagte sie, letztlich habe ihre ältere Schwester wie so oft den Ausschlag gegeben: „Ohne Venus würde ich wohl nicht einmal Tennis spielen.“ Venus war von jeher ihr Vorbild – mit dem fünften Titel in Wimbledon zog Serena nun mit ihr gleich. In den vergangenen 13 Jahren gingen zehn Titel im All England Club an die Williams-Schwestern. Nur fünf Stunden nach ihrem Triumph im Einzel holte sie gemeinsam mit ihrer Schwester auch noch den Doppeltitel. Es war ihr fünfter gemeinsamer Wimbledon-Titel, ihre 13. Grand-Slam-Trophäe.

Es ist vor allem der Aufschlag, der den Williams-Schwestern auf Rasen einen entscheidenden Vorteil bringt. Serena hat den wohl besten der Frauentour, niemand platziert die Aufschläge so perfekt wie sie. Mit 102 Assen verbesserte sie in Wimbledon ihren eigenen Rekord, gegen Radwanska hämmerte sie gar vier Stück in Folge ins Feld und gewann ein Spiel in 49 Sekunden. Mit dieser Aufschlagwucht ist Serena Williams immer eine Bedrohung – ungeachtet ihres Fitnesszustands.

Schon vor einem Jahr schaffte sie es nach ihrer Rückkehr in Wimbledon ohne Matchpraxis in die vierte Runde, danach gar ins US-Open-Finale. Nach ihrer Erstrundenniederlage bei den diesjährigen French Open zog sie sich in die Akademie von Patrick Mouratoglou zurück – ein Novum: Ihr Leben lang hatte Serena Williams nur mit ihren Eltern gearbeitet. Sie fand ihr Selbstvertrauen wieder, ihren Kampfgeist. Die Gedanken ans Aufhören sind nun passé, Serena Williams will ihren 14 Grand-Slam-Titeln weitere hinzufügen. „Ich habe mich nie besser gefühlt“, sagte sie. „Ich glaube, das ist der Beginn von etwas sehr Großem.“

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