Sport : „Die Dakar 2008 wird nicht starten“

Mit der Wüstenrallye wird erstmals ein internationales Sportgroßereignis wegen Terrorgefahr abgesagt

Christian Hönicke,Benjamin Weissinger

Berlin - Dirk von Zitzewitz rang mit den Worten. „Die Enttäuschung ist unbeschreiblich“, sagte der Ostholsteiner. „Wir haben uns so intensiv darauf vorbereitet und das ganze Jahr auf unsere Revanche gewartet.“ Vor zwölf Monaten hatte der VW-Kopilot des Südafrikaners Giniel de Villiers trotz langer Führung den Sieg bei der Dakar verpasst – heute wollte er bei der Wüstenrallye einen neuen Versuch unternehmen. Doch es wird auch in diesem Jahr nichts mit einem Triumph: Am Vortag des Starts sagte der französische Veranstalter ASO die diesjährige Auflage der Sandraserei wegen der Bedrohung durch terroristische Anschläge im nordwestafrikanischen Land Mauretanien ab. Es ist das erste Mal in der Geschichte des Sports, dass ein internationales Großereignis aufgrund einer Terrorwarnung vollständig gestrichen wird.

Auf einer Pressekonferenz im als Startort ausersehenen Lissabon verkündete Rallye-Leiter Etienne Lavigne, was schon seit Weihnachten als Gerücht durch den Dakar-Tross gegeistert war: „Ich habe eine schlimme Nachricht: Dakar 2008 wird nicht starten.“ Nach Gesprächen mit der französischen Regierung und angesichts dringender Empfehlungen habe man sich zur Absage entschlossen. Die Ermordung von vier französischen Touristen am 24. Dezember durch eine Al-Qaida-nahe Gruppierung und vor allem „direkte Drohungen“ hätte sie zu ihrer Entscheidung bewogen, erklärte die ASO. Die oberste Verantwortung des Veranstalters sei es, „die Sicherheit aller zu gewährleisten“. Mit Hilfe von 3000 privaten Sicherheitskräften hatte die ASO die Rallye noch zu retten versucht, musste aber schließlich einsehen: „Es gibt keine andere vertretbare Lösung, als die Rallye abzusagen.“ Am Ende der Erklärung gab sich der Veranstalter kämpferisch: „Die Rallye Dakar ist ein Symbol, und ein Symbol kann nichts zerstören. Die Absage der Auflage 2008 stellt in keiner Weise die Zukunft der Dakar infrage.“ Doch genau das darf keineswegs als gesichert gelten.

Denn wann und ob die berühmte Rallye wieder in ihrem angestammten Zielort enden wird, ist derzeit völlig unklar. Die klassische Streckenführung entlang des westlichen Saharagebiets steht vor dem Aus. „Für die Zukunft müssen wir uns mit der ASO in Ruhe zusammensetzen und die Route der Rallye überdenken“, sagte Volkswagen-Sprecher Uwe Baldes. Sein fahrender Konzernkollege Dirk von Zitzewitz hält es für sehr wahrscheinlich, dass es „in den nächsten Jahren eine Dakar geben wird, die nicht in Dakar enden wird“. Nicht die senegalesische Hauptstadt sei das Problem, sondern der Weg dahin.

In der Vergangenheit hat sich besonders die Sicherheitslage in den Dakar- Kernländern Mauretanien (durch das acht der fünfzehn diesjährigen Etappen führen sollten), Mali und Niger dramatisch zugespitzt. Letztes Jahr mussten die Teilnehmer wegen Anschlagsdrohungen einen Umweg nehmen, 2004 vereitelten französische Geheimagenten in letzter Sekunde die Entführung der späteren Gesamtsieger Stephane Peterhansel aus Frankreich und Nani Roma aus Spanien durch militante Islamisten in Mali. Zwei Etappen wurden daraufhin abgesagt. Vor acht Jahren musste gar der komplette Tross per Flugzeug vor einem sich abzeichnenden Angriff von Muslimrebellen in Sicherheit gebracht werden.

„Es ist nicht so, dass die Einheimischen uns da nicht haben wollen“, sagte von Zitzewitz. Er betrachtet die Sahara als seine zweite Heimat, und bei den privaten Motorradtouren, die er dort veranstaltet, „habe ich in den Ländern nie schlechte Erfahrungen gemacht mit Einheimischen. Es war immer positiv und freundlich.“ Es sei eine Minderheit, die dort Probleme bereite. „Es ist schade, dass diese Minderheit so viel Macht hat und so viel kaputt machen kann.“ Nach dem ersten Schock musste er aber zugeben: „Die Entscheidung ist vernünftig und nachvollziehbar. Wir wollen ein Abenteuer, aber wir wollen nicht gegen Terrorismus ankämpfen und nicht ins Fadenkreuz gelangen. Es muss ein sicheres Abenteuer sein.“

Trotz ihrer Enttäuschung fanden auch die meisten anderen Beteiligten unterstützende Worte für die Absage. „Was zählt, ist die Sicherheit der Sportler und Mitarbeiter“, stellte VW-Sprecher Baldes fest. Ein Sprecher des Vorjahressiegers Mitsubishi unterstützte die Entscheidung ebenfalls, nachdem sich eine Zusicherung der mauretanischen Regierung zur sicheren Durchführung der Rallye als Trugschluss herausgestellt habe. Unverständnis äußerte lediglich die ehemalige DTM-Pilotin Ellen Lohr, die in diesem Jahr ihre vierte Dakar fahren wollte: „Es war eine Fehlentscheidung der Organisation, sich der französischen Regierung zu beugen. Wir hätten starten und wenigstens durch Marokko fahren sollen.“ Dem Veranstalter war dies aber zu unsicher.

Für künftige Wüstenrallyes gilt nun eine Verlagerung in sicherere Wüstengebiete im Osten, beispielsweise nach Ägypten, als wahrscheinlichste Option. Für eine mögliche Ersatzveranstaltung der ausgefallenen Auflage im Laufe dieses Jahres kämen auch Südamerika, China oder Russland als Austragungsorte in Frage. Allerdings: „Zum jetzigen Zeitpunkt sieht es nicht so aus, als ob die Rallye in diesem Jahr überhaupt in irgendeiner Form stattfinden wird“, sagt VW-Sprecher Baldes. Die ASO äußerte sich dazu nicht eingehender und teilte lediglich mit, 2009 solle „ein neues sportliches Abenteuer“ geboten werden.

Darauf hofft auch Dirk von Zitzewitz. Am späten Nachmittag nahm er Abschied von Lissabon und vorerst auch vom Traum eines Sieges bei der Dakar. „Die Koffer sind schon gepackt, das Rückflugticket ist gebucht“, sagte er. Im April wollte er eigentlich noch mit dem Motorrad durch die Sahara fahren. „Aber das muss ich mir jetzt noch einmal überlegen.“

Wegen der früheren Produktion des Mobilteils findet sich dort in Teilen der Auflage noch ein Bericht über die Rallye Dakar.

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