Sport : Die deutsche Angst

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Stefan Hermanns über Deutschlands Botschafter Michael Schumacher

Der Deutsche an sich besitzt ein eher zwiespältiges Verhältnis zu sich und seinesgleichen. Zum einen will er weltgewandt und beliebt sein. Zum anderen fürchtet er, vom Rest der Welt als spießiger und muffiger Geselle wahrgenommen zu werden. Diese deutsche Angst, das schwierige Verhältnis zu sich selbst, äußert sich sogar in solch banalen Dingen wie dem Logo für die FußballWeltmeisterschaft 2006 in Deutschland. Das Emblem sollte Freude und Weltoffenheit symbolisieren, wurde aber vor allem als Ausdruck fortgeschrittener Infantilität gewertet.

Dass sich die gesamte Organisation des Turniers in diesem Spannungsfeld bewegt, zeigen auch die Vorbereitungen auf das nächste Großereignis, die Auslosung der Vorrundengruppen im Dezember in Frankfurt. „Unsere Gäste aus aller Welt sollen sich sehr wohl fühlen“, hat Franz Beckenbauer, der Chef des Organisationskomitees, gesagt. Prominente Paten werden in Frankfurt ihre jeweiligen Kontinente vertreten. Wer aber vertritt Deutschland? Wer kann unser weltoffenes Land angemessen repräsentieren?

Statistisch gesehen wäre unser aller Repräsentant, der durchschnittliche Deutsche also, jemand, der pro Monat acht Euro für den Versand von SMS ausgibt, im Jahr 112-mal Sex hat, jeden Tag 20 Blätter Klopapier verbraucht, von 23.04 bis 6.18 Uhr schläft, etwas mehr als acht Kilogramm Schokolade im Jahr verzehrt, sein Auto vier Jahre lang behält und in dieser Zeit 48000 Kilometer zurücklegt.

Das WM-Organisationskomitee hat sich unter Berücksichtigung all dieser Faktoren für Michael Schumacher entschieden: den Formel-1-Weltmeister also, diesen manchmal freudlosen Perfektionisten, der sein Auto jährlich wechselt, so weltoffen ist, dass er nicht mal in Deutschland lebt und der auch mit seinem Lieblingsklub (1. FC Köln) nicht unbedingt die Mehrheitsmeinung trifft. Aber Schumacher verkörpert eben auch den Rausch der Geschwindigkeit, und vielleicht ist er genau deshalb der richtige Botschafter unseres Landes. Er könnte die Ausländer daran erinnern, was vielen von ihnen in Deutschland am besten gefällt. Dass es auf deutschen Autobahnen keine Geschwindigkeitsbegrenzung gibt.

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