Sport : Die Dreiloipentournee

Ernst Podeswa

Aus den Lautsprechern wummert der unvermeidliche Stimmungshit "Anton aus Tirol" - und zwar so laut, dass man fürchten muss, der Schnee würde von den Tannen rieseln. "Bin ich laut genug - wir müssen ja gegen 10 000 Leute ankommen", ruft einer der beiden Stadionsprecher in sein schnurloses Mikrofon.

Zum elften Mal seit 1984 gastiert der Weltcupzirkus der Biathleten im Stadion am Grenzadler bei Oberhof, wo am heutigen Mittwoch beim Sprint der Herren der erste Sieger ermittelt wird. Und da soll alles wie am Schnürchen klappen. Denn der Weltcup hier am Rennsteig hat mehr zu bedeuten, als nur eine Sportveranstaltung. Daher der Einsatz der Moderatoren-Anheizer. Daher Partyzelte und Musik sowohl an der Wettkampfstätte wie auch in Oberhof. Daher eine pompöse Eröffnung am Vorabend mit Videoeinspielungen, der Oberhof-Hymne, Hissen der Flaggen und Ausmarsch der Nationen "unter Trommelwirbel".

Rund 400 freiwillige Helfer wollen mitmachen bei der Selbstdarstellung für die "Region mit dem größten zusammenhängenden Waldgebiet Deutschlands". Für den Thüringer Wald. "Es gibt keine bessere Werbung für Südthüringen", sagt Ralf Luther, Landrat des Landkreises Schmalkalden-Meiningen und Chef des OK-Präsidiums. Der Gast müsse als "König-Kunde behandelt werden", und nur "reibungslose Organisation" bewirke ein Wiederkommen.

Sport als Katalysator für Tourismuswerbung - daran ist man in dem industriell schwachen Gebiet natürlich brennend interessiert. Und deshalb steuert der Freistaat Thüringen zum derzeitigen Ausbau der Biathlon-Arena bis zur Weltmeisterschaft 2004 auf 20 000 Tribünenplätze rund 3,5 Millionen Euro bei, 1,5 der Bund, 600 000 der Landkreis, knapp 250 000 der Erholungskurort Oberhof und etwa 400 000 die Bundesanstalt für Arbeit.

Sie alle setzen auf die Anziehungskraft des Biathlon-Weltcups in Oberhof, an die sich nahtlos Ruhpolding in Bayern und Antholz in Südtirol anschließen. So ergibt sich aus den Anfangsbuchstaben die ORA-Trophy, eine Art Dreiloipentournee, angelehnt an die Vierschanzentournee der Skispringer. Denn zusätzlich zu den üblichen Weltcupprämien (für den Streckensieger 16 105 Euro) winkt den ersten Zehn der 5. ORA-Trophy ein Preisgeld von insgesamt 115 000 Euro.

Die Sieger - im Vorjahr Magdalena Forsberg aus Schweden und Raphael Poiree aus Frankreich - dürfen mit einem Golf Avant TDI (Wert circa 25 000 Euro) nach Hause rollen. Da liegen die Skispringer noch drüber, denn Sven Hannawald bekam als Bonus für seinen Tourneetriumph einen Audi quattro Avant (rund 48 000 Euro). Auch in punkto Fernsehresonanz dürften die Skispringer den Skijägern noch voraus bleiben, doch schon im Vorjahr verfolgten 46 Millionen Zuschauer im Fernsehen das spannende Geschehen bei der Trophy. Rang zwei auf dem deutschen Markt. Noch vor Ski alpin, Langlauf, der Nordischen Kombination oder Rodeln und Bob.

Doch bei der internationalen Verbreitung hat Biathlon auch das Skispringen längst überholt. Das dokumentieren rund 250 Starter aus 38 Ländern, darunter aus Grönland, Argentinien, Chile und ein in Österreich lebender Neuseeländer in Oberhof. Peter Bayer, IBU-Generalsekretär aus Bayern, kann sich noch an die Anfänge des Biathlons erinnern: An die olympische Premiere 1960 mit dem Großkalibergewehr und nur einem Wettbewerb. An die Umstellung auf das bis heute übliche Schießen mit Kleinkaliberwaffen 1976, an die olympische Premiere der Frauen 1992. "In vier Wochen in Salt Lake City werden je vier Goldmedaillen bei Damen und Herren vergeben, und wir werden an das IOC den Antrag stellen, dass für 2006 jeweils der attraktive Massenstart dazukommt".

Laut Bayer sind gelungene Wettkampf-Programmergänzungen, der Einstieg des Fernsehens (in Deutschland das Öffentlich-Rechtliche sowie Eurosport), Entwicklungsprojekte (Material und Knowhow) für ärmere Verbände, das Nutzen neuer Medien wie Internet ( www.ibu.at oder Liveübertragungen über www.biathlonworld.com ) weitere Gründe für den rasanten Aufstieg des Biathlonsports.

Der Biathlon-Olympiasieger Ole Einar Björndalen, in Norwegen gerade zum "Sportler des Jahres" erkoren, hat kürzlich auch zwei Weltcuprennen der Langläufer mit großem Erfolg (jeweils Zweiter) bestritten. "Das sind zwei völlig andere Welten", sagt er, "jeder Weltcup im Biathlon wird wie eine Weltmeisterschaft aufgezogen, im Langlauf geht es zu wie vor 30 Jahren."

Zwei Ausfälle

Nach der Weltcup-Zweiten Andrea Henkel fällt mit Alexander Wolf beim Biathlon-Weltcup in Oberhof von Mittwoch bis Sonntag ein weiterer Lokalmatador aus. Der 21-Jährige leidet ebenfalls an einem grippalen Infekt, für ihn rückt Michael Greis aus Nesselwang wieder in die Mannschaft.

Alexander Wolf hatte Ende Dezember in Osrblie nach dem Massenstartrennen erstmals in seiner Laufbahn als Zweiter auf einem Weltcup-Podest gestanden und damit die Olympia-Norm für die Winterspiele von Salt Lake City im Februar erfüllt. Für Andrea Henkel war Katja Beer aus Altenberg nachnominiert worden.

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