Sport : Die einzige Hoffnung

Johanna Gabor ist die beste deutsche Gymnastin

Lars Spannagel

Berlin - Als die Musik endet, ist der Ball noch in der Luft. Mit Entsetzen verfolgt Johanna Gabor, wie er sich nicht zu ihr herabsenkt, sondern einige Meter entfernt auf die Matte klatscht und Richtung Werbebande davonhoppelt. Das Publikum beim Saisonfinale der Rhythmischen Sportgymnastik in der Max-Schmeling-Halle stöhnt auf – ein nicht gefangener Ball ist eine mittlere Katastrophe.

Nach der Übung sitzt die Deutsche Meisterin Gabor auf der Couch in der sogenannten „Kiss and Cry“-Ecke und wartet mit einem künstlich-gequälten Lächeln auf ihre Punkte. Wieder hat sie die Zuschauer mit ihrer Ausstrahlung begeistert, wieder hat sie ein technischer Fehler am Schluss um eine gute Wertung gebracht. „Sie hat das größte Potenzial in Deutschland, niemand interpretiert die Musik mit dem Körper so gut wie sie“, sagt Birgit Guhr, die Teamchefin der deutschen Sportgymnastinnen. Gabor ist erst 16 Jahre alt, ihre Jugend und ihre Ausdruckskraft machen sie zur deutschen Hoffnung für Olympia 2008.

Im vergangenen Jahr trat Gabor als Juniorin noch im Rahmenprogramm des Masters auf, in ihrer ersten Erwachsenensaison wurde sie gleich Deutsche Meisterin im Mehrkampf. „Letztes Jahr war es noch etwas ganz Besonderes, hier zu sein“, sagt Gabor. Plötzlich stand sie neben all ihren Idolen wie der Russin Vera Sessina, die in diesem Jahr alle vier Einzelwettbewerbe gewann. Inzwischen ist es normal für Gabor, die Topgymnastinnen aus Osteuropa als Konkurrentinnen zu sehen. Und das, obwohl sie durch Unkonzentriertheiten die Finals am Sonntag leistungsmäßig allesamt verpasste; nur mit einer Wildcard des Deutschen Turner-Bunds durfte sie teilnehmen. In allen vier Disziplinen (Seil, Ball, Keulen und Band) wird sie Neunte und damit Letzte. Birgit Guhr ist trotzdem zufrieden: „Johanna hat sich enorm verbessert. Sie hat als einzige Deutsche im Moment eine reelle Chance, Anschluss an die Weltspitze zu finden.“ Bei den Olympischen Spielen in Athen war nur eine Deutsche am Start, Lisa Ingildeeva scheiterte als 19. schon im Vorkampf.

Johanna Gabor hat noch etwas Zeit, um sich weiterzuentwickeln. Vor einigen Jahren hätte sie mit ihren 16 Jahren schon zum alten Eisen der biegsamen Frauen gehört, Regeländerungen haben die Altersverhältnisse in der Rhythmischen Sportgymnastik seit dem Jahr 2000 verschoben, inzwischen sind die Spitzenathletinnen um die 20. Bei der Weltmeisterschaft im nächsten Jahr will sie sich für Peking qualifizieren, bis dahin muss sie die Flüchtigkeitsfehler abgestellt haben. Am Sonntag turnte sie mit ihrem Lieblingsgerät, den Keulen, eine fehlerfreie Übung. Als die Musik stoppt und das Publikum jubelt, ist ihr Strahlen ganz und gar echt.

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