Sport : Die Entspannten

NAME

Die neue Saison der Fußball-Bundesliga beginnt am 9. August. Anhand von zehn Fragen stellen wir bis dahin alle 18 Vereine vor.

Wer hat das Sagen? Ín Nürnberg nur einer: Michael A. Roth, Großunternehmer in Teppichen. Manchen gilt er wegen seiner Finanzspritzen einerseits und seiner hektischen Personalentscheidungen andererseits als Segen und Fluch für den Verein. In den letzten Jahren ist er entspannter geworden. Er lässt Trainer Klaus Augenthaler in Ruhe arbeiten und hat sich mit Edgar Geenen von 1860 München einen umtriebigen Manager geholt, der über viele Kontakte verfügt.

Was ist das Besondere? Es genügt, vom „Club" zu sprechen, und alle wissen, wer gemeint ist. Nürnberg als Inbegriff des Fußballklubs, dies ist bis in die 20er Jahre zurückzuführen, als der Club nicht nur die deutsche Meisterschaft dominierte, sondern auch das Gros der Nationalmannschaft stellte - bei einem Länderspiel standen gar einmal elf Clubberer für Deutschland auf dem Platz. So groß die glorreiche Vergangenheit des Club ist, so weit entfernt ist sie auch. Doch obwohl der Gewinn der letzten deutschen Meisterschaft 34 Jahre zurückliegt, ist die Anhängerschaft nicht kleiner geworden. Zu den Heimspielen kommen Fans aus über 100 Kilometern Entfernung. Das Regionalligaspiel gegen Weismain vor vier Jahren sahen 8000 Menschen.

Was hat sich verbessert? „Im Gegensatz zur letzten Saison habe ich auf allen Positionen endlich Alternativen, so dass verletzungsbedingte Ausfälle besser verkraftet werden können", sagt Trainer Augenthaler. Es sieht es so aus, als fänden der lange verletzte Stürmer Martin Driller sowie Defensivmann Anthony Sanneh, der nach einer mäßigen Saison eine starke WM mit den USA spielte, ihre Form.

Wie sicher ist der Trainer? Es war der Vorteil eines Aufsteigers, der auch noch mit wenig Geld für Spieler auskommen muss: Auch als der Club letzte Saison einige Zeit auf einem Abstiegsplatz zubrachte, forderte niemand Augenthalers Entlassung. Im zweiten Erstligajahr dürfte dieser Bonus geringer werden. Doch Augenthaler ist beliebt bei den Fans, die wie Präsident Roth die Schuld für Niederlagen bei den Spielern suchen.

Wie passen die Neuen? Ergänzungsspieler Michael Kügler wirkt wie ein Ausreißer: Er ist der einzige der sechs Neuen, dessen nicht auf "-ic" endet. Sasa Ciric, der schon in der Saison 1998/99 beim Club spielte, trifft schon wieder wie damals und wird mit Cacao und Martin Driller um die beiden Stürmerplätze kämpfen. Milan Belic ist eine Alternative auf der linken Seite, Dusan Petkovic und Rade Todorovic haben es schwer, in die Startelf zu kommen. Große Stücke hält Augenthaler auf Verteidiger Milorad Popovic, schätzt ihn gar stärker ein als Bayerns früheren Libero Patrick Andersson.

Was gibt das Stadion her? Man kann das Attribut „Schmuckkästchen" für das Frankenstadion nicht mehr hören. Dennoch ist das 44 500 Zuschauer fassende Stadion modern und schön anzusehen. Einmal für WM-tauglich befunden, wird es – unter anderem durch Absenken des Rasens – bis 2006 noch einmal erweitert. Die nüchterne Aschenbahn bleibt aber voraussichtlich erhalten. Trotz der Treue der Clubfans war Augenthalers Team letztes Jahr zu Hause aber nicht gerade unbezwingbar.

Welche Taktik wird verfolgt? Seit Augenthaler Trainer ist, spielt der Club mit einer Viererkette. Von seinem 4-4-2-System geht der Bayer nicht ab, auch wenn es mal keinen Erfolg zeitigt. „Wir sind mit der Viererkette aufgestiegen, warum sollten wir sie jetzt abschaffen", sagte Augenthaler nach einer Niederlagenserie. Über die zweite Viererreihe im Mittelfeld entwickelt der Club Druck nach vorn, vorzugsweise durch kurzes oder halblanges Passspiel. Nur werden die herausgespielten Chancen meist nicht verwertet.

Wer sind die Stars? Eine der größten Nürnberger Identifikationsfiguren seit Thomas Brunner ist Martin Driller. Der langjährige Clubstürmer hat sich von seiner langwierigen Rückenverletzung erholt, fing freiwillig früher mit dem Training an und will wieder so regelmäßig Tore für den Club schießen wie im Aufstiegsjahr. Die Verantwortung auf dem Platz sollen auch Tommy Larsen, Dieter Frey und Sasa Ciric übernehmen.

Wie wird der Mangel verwaltet? Im Grunde hat sich nichts geändert: Transfers kommen zumeist aus Billigfußballländern, die Spieler verdienen weniger als bei anderen Bundesligisten, und wenn es gar nicht mehr anders geht, springt Michael A. Roth ein, um den bescheidenen Etat zu sichern.

Wer sind die Fans? Der typische Clubfan ist ländlicher Herkunft und auch durch Niederlagen nicht von seiner inneren Prioritätenliste abzubringen: Erst kommt der Club, dann meine Frau. In der Nordkurve sind viele der klassischen Fankutten zu sehen, Jeanswesten mit „Nürnberg forever"- und „Ich hasse den FC Bayern"-Aufnähern. Und dann gibt es da die Alten, die seit der letzten Meisterschaft mit selbst gestrickten rot-schwarzen Schals im Block stehen und ein Fränkisch reden, das auch Süddeutsche kaum verstehen: „So a Gimpl, der Schiri, däs zecht ma hald echt däi Schou wech, wous deä nu zampfaift." Martin E. Hiller

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben