Sport : Die etwas andere Erfahrung

Jürgen Klinsmann will Teamchef der Nationalmannschaft werden – aber kann er ohne Trainerpraxis auch erfolgreich sein?

Armin Lehmann

Hennes Weisweiler war ein weiser Mann. Die Trainerlegende befand 1969, dass man die Erfahrung der noch aktiven oder ehemaligen Bundesliga-Spieler nutzen und ihnen einen Trainerlehrgang anbieten sollte. Einen Sonderlehrgang. Und so machte unter anderen ein gewisser Otto Rehhagel an der Sporthochschule Köln seinen Trainerschein. 31 Jahre später gab es große Aufregung im deutschen Fußball, als der Deutsche Fußball-Bund (DFB), angeregt vom ehemaligen Bundestrainer Berti Vogts, beschloss, erneut einen Sonderlehrgang durchzuführen, um Nationalspielern einen schnellen Erwerb der Lizenz zu ermöglichen.

Jürgen Klinsmann gehörte zu diesen Spielern, und er war es auch, der dem DFB half, die Kollegen aus der Nationalmannschaft zusammenzurufen. Eigentlich hatte Klinsmann zu seinen aktiven Zeiten oft genug betont, dass er nie Trainer werden wolle, aber später, nach dem Lehrgang, war es für ihn stets „ein gutes Gefühl, den Schein in der Tasche zu haben“. Am 16. Juni 2000 hatten es Klinsmann und weitere 18 Teilnehmer geschafft, und so vermeldete der DFB: „Alle 19 Teilnehmer haben den ersten Sonderlehrgang erfolgreich abgeschlossen.“ Zu ihnen gehörten neben Jürgen Klinsmann unter anderen Matthias Sammer, Andreas Brehme, Guido Buchwald, Dieter Eilts, Jürgen Kohler, Joachim Löw, Stefan Kuntz oder Pierre Littbarski.

Seit diesem Tag hat Jürgen Klinsmann im Gegensatz zu anderen Absolventen nie eine Mannschaft trainiert. Und spätestens, als sein Name ernsthaft mit dem Posten des Teamchefs in Verbindung gebracht wurde, kam aus der Zunft der professionellen Trainer scharfe Kritik. Der international erfahrene Schalker Coach Jupp Heynckes beklagte eben jene fehlende Erfahrung bei Klinsmann, Klaus Toppmöller vom Hamburger SV polterte: „Da sträuben sich mir die Nackenhaare“, und Nürnbergs Übungsleiter Wolfgang Wolf zeterte: „Ich frage mich, wie jemand mit dem Lebensmittelpunkt USA für den Wandel beim DFB sorgen soll.“ Dann steckte er den Finger noch tiefer in die Wunde und stichelte: „Schade, dass man mittlerweile für die Nationalmannschaft keine ordentliche Trainerausbildung mehr braucht.“

Gero Bisanz hat lange Jahre die Trainerausbildung des DFB geleitet, hat Standardwerke für die Trainerausbildung verfasst, hat den deutschen Frauenfußball als Cheftrainer an die Weltspitze geführt – und er hat im Frühsommer 2000 den Sonderkurs für die Stars um Klinsmann gecoacht. Heute sagt er: „Es gibt Trainertalente, die das aus dem Bauch heraus machen können. So wie Rudi Völler.“ Man könne sehen, wie ein ehemaliger Spieler vor der Gruppe steht, ob er das kann, wie gut er sie dominiert und anleitet. „Der Jürgen Klinsmann kann das.“

Klinsmann gehörte zusammen mit Matthias Sammer damals zu denen, sagt Bisanz heute, „die sehr hart an Fehlern und intensiv an ihren Aufgaben gearbeitet haben. Die haben die anderen ganz schön rangenommen.“ Der pensionierte Fußball-Lehrer ist unabhängig vom Namen Klinsmann davon überzeugt, dass ehemalige Spieler-Stars durchaus ohne Erfahrung in der Lage sind, eine Nationalmannschaft zu führen. Allerdings nicht alleine. Darin ist er sich einig mit Erich Rutemöller, seinem Nachfolger als Leiter der Trainerausbildung an der Sporthochschule Köln. Rutemöller glaubt, dass die „Tendenz zu Trainer-Teams“ gehe. „Der Trend geht hin zur Spezialisierung“, sagt Rutemöller und hat „keine Bedenken, dass mehrere Leute zusammenarbeiten“.

Zur Trainerlehre gehören Pädagogik, Methodik, Sportmedizin, Trainingslehre und vieles Fachliche mehr, aber das alles sei eben nur die eine Seite der Ausbildung, sagt Rutemöller. Hinzu kommen müsse Autorität, Akzeptanz, Rhetorik, der Umgang mit den Medien. „Man ist heute nicht mehr nur Trainer, und deshalb macht es Sinn, die Kompetenzen zu bündeln und Spezialisten für die einzelnen Bereiche zu finden.“ Rutemöller sagt, aus seiner Beobachtung im Ausland sei ein Trainer-Team eine gute Lösung.

Gero Bisanz stellt sich das im aktuellen Falle ungefähr so vor: Klinsmann als rhetorischer Kämpfer, als Ideengeber und Supervisor, an dessen Seite „zwei bis drei Trainer stehen“. Das könne neben Holger Osieck auch Jürgen Kohler sein. Die Aufgabenteilung, auch darin sind sich Bisanz und Rutemöller einig, mache indes nur dann Sinn, wenn „Konsens über die Zielsetzung“ herrsche.

Ein solches Funktionsteam, wie es Berti Vogts auszudrücken pflegte, hat Deutschland schon einmal zu einem WM-Titel geführt. 1990 arbeiteten Holger Osieck und Berti Vogts als Kotrainer an der Seite von Teamchef Franz Beckenbauer. Vielleicht funktionierte das Team deshalb so gut, weil nur Franz Beckenbauer für die breite Öffentlichkeit sichtbar war. Wie die neue Hierarchie mit Jürgen Klinsmann, Holger Osieck, Oliver Bierhoff und womöglich noch anderen Fachleuten genau aussehen wird, wird gerade beim DFB verhandelt.

Nicht verhandelbar aber ist eine Erkenntnis des Lehrgangsleiters Gero Bisanz, die schon länger gilt: „Es gibt ja keine guten und schlechten Trainer mehr, nur noch Trainer, die gewinnen, und Trainer, die verlieren.“

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