Sport : Die Freiheit des Gleitens

Mit seinem Longboard ist er nicht auf Tricks aus – Frank Sommer cruist durch Landschaften oder rast Berge hinab. Und manchmal kriegt er mit seinem Brett auch noch ein paar Kisten Bier transportiert

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Willkommen an Board. Frank Sommer kann auf seinem rasenden Untersatz bis zu 100 Stundenkilometer erreichen. Foto: Thilo Rückeis
Willkommen an Board. Frank Sommer kann auf seinem rasenden Untersatz bis zu 100 Stundenkilometer erreichen. Foto: Thilo Rückeis

Sport ist immer ein Abenteuer, insbesondere wenn man das Wagnis sucht. In unserer Serie haben wir Athleten von nebenan vorgestellt, die nicht nach Titeln streben, sondern Grenzen austesten wollen. Heute zum Abschluss: Frank Sommer, Longboarder aus Berlin, der die Welt mit seinem Brett erkundet.

Und irgendwann ist er einfach hin zu einem von denen, die von ihren teuren Rennrädern immer so mitleidig auf ihn und sein Board herablächelten. „Du, hör mal“, sagte er und tat schüchtern, „du hast doch einen Tacho. Ich wüsste so gern, wie lang ich brauche für den Teufelsberg. Würdest du vielleicht, wärst du so nett...?“ Da nickte der Radfahrer kaum merklich, und genauso trat er auch in die Pedale, dieser Boarder würde ihm ja wohl kaum davonfahren. Dachte er. Bis Frank Sommer auf seinem langem Brett immer mehr an Tempo zulegte. Unten angekommen empfing Sommer den Radfahrer, der zuletzt wie entfesselt in die Pedale getreten hatte, mit der unschuldigsten Miene: „Nanu, wo warst du denn plötzlich?“

Frank Sommer, 49 Jahre, Haare lockig, Körper sehnig, ist Experte in allen Sportarten, vor die man das Präfix „extrem“ setzen kann und die auf einem Board passieren. Der Berliner surft, er skatet, und er fährt Longboard.

Zunächst einmal ist so ein Longboard eine grundehrliche Sache. Es ist nämlich wirklich ein langes Brett, hat 90 bis 150 Zentimeter und darunter vier Rollen. Der Name Speedboard würde auch passen: Longboarder surren oft wie eine Halluzination im Fastforward-Modus durch die Landschaft. Die Körper aerodynamisch zusammengefaltet, können sie bis zu 100 Stundenkilometer erreichen. Sommer fährt auch gern gemächlicher. Der Reiz vom Longboarden, sagt er, liege darin, dass man mit zwei Tritten sechs bis sieben Mal länger gleiten könne als mit einem Skateboard. „Skater sind die Trickser, sie machen Spielchen auf dem Brett. Longboarder sind Cruiser, die einen Weg buchstäblich erfahren.“

Die jahreszeitlichen Erscheinungen sind es, die Frank Sommer auf seinen Fahrten mit dem Longboard besonders mag. Wenn er im Sommer etwa an Weizenfeldern vorbeikommt, streicht er aus der Hocke heraus mit seiner Hand über die struppeligen Ähren. Im Herbst wirbelt er mit seinem Brett die Blätter auf und sie regnen rot, gelb, orange auf ihn nieder. Und als er im Winter einmal in Kanada Longboarden war, fuhr er auf einer Straße, zu deren Seiten sich die Schneemassen türmten, und er schoss wie zwischen zwei weißen Wänden dahin. Auf manchen Touren hat Frank Sommer auch das Gefühl, durch mehrere Jahreszeiten hindurchzugleiten, zum Beispiel wenn er im Sommer vom Hintertuxer Gletscher nach Mayrhofen im Zillertal fährt und erst Schnee und dann blühende Wiesen sieht.

Doch dem Longboarder geht es nicht nur um Genuss, sondern auch um Geschwindigkeit, deshalb nimmt er an Rennen teil, zum Beispiel am Col d’Izoard, einem 2360 Meter hohen Straßenpass in den französischen Alpen. Vor dem Wettkampf dort fuhr Sommer die Strecke zunächst mit dem Auto ab, prägte sich ein, wo Schlaglöcher sind, stieg aus, um Steine zu entfernen. Dann rollte er noch einmal langsam auf dem Board hinunter, „um die Kurven kennenzulernen“. Danach hatte sich der Bekanntenkreis Sommers um 28 Haarnadelkurven vergrößert.

Lebensmüde, immer auf der Suche nach Adrenalin – solche Einschätzungen hört man immer wieder über Longboarder. Sommer findet das nicht gerecht. Er selbst hat, als er anfing zu longboarden, das Tempo erst dann gesteigert, wenn er sich in einem Tempobereich sicher fühlte, hat also eine schrittweise Ausweitung der Komfortzone betrieben. Den Körper hat er dabei wie eine kleine Festung verpackt: Auf dem Rücken trägt er einen Panzer, auf den Handschuhen kleben Plastikteller – sonst tut es weh, wenn man nach dem Board greift und es herumreißt, um zu bremsen. Und auf dem Kopf hat er immer den Helm.

In genau so einen Schutzhelm, erzählt Sommer, sei einem Freund neulich bei hohem Tempo eine Biene geflogen. Er erzählt dies nebenbei, seinem Freund ist nichts passiert, und solche Sachen, die geschehen eben. Aber dass die Biene sich ausgerechnet in das Ding verirrte, das Schutz bieten sollte, zeigt: Es bleibt ein unkontrollierbares Moment, da hilft keine Vorsichtsmaßnahme. So genau Sommer eine Strecke auch prüft, bevor er sie fährt, kann er doch nie genau wissen, ob sich nicht doch noch ein großer Stein löst, vielleicht mitten in die Linkskurve fällt und Sommer dann rechts in die Leitplanke knallt. Dass er dennoch weiterboardet, will Sommer nicht als Leichtsinn, sondern als Urvertrauen verstanden wissen: „Ich begebe mich in Gottes Hand.“

Wahrscheinlich kann Sommer aber auch nicht anders als immer wieder aufs Brett zu steigen. Das Boardgefühl, sagt er, bestimme sein Leben. Leicht zu beschreiben ist dieses Gefühl nicht, Sommer spricht davon, dass er auf seinem Board zwischen Schwer- und Fliehkraft gerät. Aus dem Alltag kennt das jeder, der schon einmal überlegt hat, ob er beim Altvertrauten bleibt oder das Neue probiert. So elementar wie Frank Sommer erlebt das Spannungsfeld aber kaum einer. Bei jeder Biegung stellt sich die Frage neu: Bleibe ich auf dem Boden oder haut es mich aus der Kurve?

Elf Jahre alt war Frank Sommer beim ersten Boardgefühl. Damals nahm er seiner Schwester die Rollschuhe weg und schraubte unter ihre Rollen ein Stück Holz. Sein erstes Skateboard bekam er zwei Jahre später, es war Weihnachts-, Oster- und Geburtstagsgeschenk in einem. Seitdem skatet er, später kam dann das Surfen und vor 17 Jahren entdeckte er Longboarding. Heute hat er ein Longboardgeschäft in Berlin-Wedding, dabei hat er eigentlich Bankkaufmann gelernt. „Aber das ging nicht“, sagt er schlicht, und wenn man ihn in seinem Laden sieht, glaubt man ihm das sofort. „Ich kann euch den Unterschied nicht sagen, den müsst ihr fühlen“, sagt er zu den zwei Mädchen mit Kaugummi und Pferdeschwanz, die gerade ein Board kaufen wollen. Eine Beratung zur passenden Geldanlage in diesem Stil ist schwer vorstellbar, den beiden Mädchen gefällt's. Sommer stellt ihnen verschiedene Bretter zur Probe hin und erteilt ihnen den Auftrag, ihre Füße zu befragen. Das tun sie ausgiebig, später werden sie auf ihren Brettern nach Hause fahren.

Auch Sommer leistet das Brett im Alltag gute Dienste. Neulich hat er zehn Pakete auf sein Longboard gestapelt und sie so zur Post gefahren. Für eine Party transportierte er auf diese Weise schon zwei Kästen Bier, ein anderes Mal sogar einen Kühlschrank. Außerdem ist das Longboard natürlich Sommers Fortbewegungsmittel erster Wahl. Jeden Morgen fährt er mit ihm die zwei Kilometer von seiner Wohnung zum Geschäft, und wenn er abends tanzen geht und andere noch mühsam einen Parkplatz für ihr Auto suchen, hat er sein Board schon längst in der Garderobe abgegeben. Und selbst wenn er die Garderobenmarke einmal verliert: So ein Longboard findet man schnell wieder unter all den Jacken und Taschen.

Außerdem erschienen: Durch Meere schwimmen (15.8.), Über Kontinente laufen (18.8.), Nach Fernost radeln (23.8.).

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