Sport : Die Fußball-Diplomaten

In Bosnien-Herzegowina soll der Sport drei Völker verbinden, die sich im Krieg gegenüberstanden

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Von Gemma Pörzgen

Sarajevo. Eigentlich ist es nur ein Freundschaftsspiel. Doch der Auftritt der deutschen Fußball-Nationalmannschaft am morgigen Freitag in Sarajevo elektrisiert seit Tagen die bosnischen Fans. „Das ist ein großes Ereignis für Sarajevo“, sagt Sead Hadzicejzovic, Sportredakteur der größten Zeitung in der bosnischen Hauptstadt, „Dnevni Avaz". Die Karten für die 34 600 Plätze im Kosevo-Stadion sind ausverkauft. Der Austragungsort war einst für Olympia 1984 gebaut worden und ist eines von sechs großen Stadien landesweit.

Natürlich hat der deutsche Besuch auch politische Bedeutung. Während sich die deutschen Junioren am heutigen Donnerstag im zentralbosnischen Zenica mit der dortigen Jugend warm kicken, hat sich Rudi Völler mit seiner Mannschaft bei den in Bosnien stationierten Bundeswehrsoldaten angesagt. In der Kaserne von Rajlovac gibt es ein Plauderstündchen bei Kaffee und Kuchen.

Mit Spannung wird vor allem erwartet, wie der Bayern-Star Hasan Salihamidzic sich an der Seite seiner Landsleute schlagen wird. „Das wird ein Riesenspiel“, sagt der bosnische Moslem, „hier wollen alle die Stars aus Deutschland sehen.“ Bosnien ist ein begeistertes Fußball-Land. In fast jedem Dorf gibt es einen eigenen Verein. So kommt das kleine Land auf mehr als 750 Fußballklubs.

Nach Ende des fast vierjährigen Bosnien- Krieges hatte sich die Fußballszene den politischen Trennlinien folgend in drei ethnische Gruppen gespalten: Moslems, Kroaten und Serben. Zwar vertrat die neu gegründete bosnisch-herzegowinische Fußball-Föderation anfangs nur eine Völkergruppe – die Moslems –, trotzdem wurde sie vom Weltverband Fifa und der europäischen Uefa anerkannt. Vor allem deshalb konnten die anderen nicht dauerhaft im Abseits stehen. Die bosnischen Kroaten kamen im April 2000 dazu. Und die Serben, die sich lange um eine eigene internationale Anerkennung bemüht hatten, traten im Mai dieses Jahres bei.

Nun spielen moslemische, kroatische und serbische Fußballer in einer Liga. Seit August stehen 20 Mannschaften im Wettstreit um den bosnischen Titel. Von ihnen kommen 14 aus der bosnisch-kroatischen Föderation und sechs aus der Serbischen Republik. „Die Liga ist im Interesse von uns allen“, sagt Slobodan Tesic, Vizechef der serbischen Fußballvertretung in Bosnien-Herzegowina. Am Ende sahen die Serben ein, dass ihre Spieler unter der mangelnden Konkurrenz litten.

Trotz aller Fortschritte entwickelt sich der Fußball auf dem Balkan sieben Jahre nach Kriegsende nur langsam. Noch immer spielen in der bosnischen Nationalmannschaft nur wenige Serben. Kürzlich gelang es immerhin, den bosnischen Serben Nenad Miskovic für das Nationalteam zu gewinnen. Er spielt bei Partizan, einem Verein in der jugoslawischen Hauptstadt Belgrad. „Die Nationalmannschaft ist sowohl für die Außendarstellung wichtig als auch für die Selbstwahrnehmung“, sagt Patrik Volf von der internationalen Bosnien-Verwaltung in Sarajevo. „Wenn die Leute sich auf dem Fußballfeld nicht die Köpfe einschlagen, kann das auch im sonstigen Leben klappen.“

Vor dem Zusammenbruch des Vielvölkerstaates Jugoslawien und den Balkan-Kriegen gehörten die jugoslawischen Fußballer zu den besten in Europa. Doch viele verließen ihre Heimat und gingen in den Westen. So steht der Bosnier Tomislav Piplica in der Bundesliga bei Energie Cottbus unter Vertrag, Sergej Barbarez spielt beim HSV. Abgesehen von wenigen Klubs mit reichen Sponsoren fehlt es in Bosnien am Geld für gute Fußballplätze und Spieler-Gehälter. Nach Angaben des bosnischen Fußballverbandes beträgt die Bezahlung eines Spielers im Höchstfall 500 Euro monatlich. Die meisten Fußballer sind Amateure oder Halbprofis.

Kein Wunder also, dass Bosnien auf der Fifa-Weltrangliste nur auf Platz 72 steht. Trotzdem: Gemeinsam mit dem Nachbarland Kroatien hat sich Bosnien um die Austragung der Europameisterschaft 2008 beworben. Es soll ein Zeichen des Aufbruchs sein – nach außen und nach innen.

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