Sport : Die Garantie ist abgelaufen

Stefan Hermanns

Es war ein Moment der Endgültigkeit, und Jürgen Röber schien nicht recht zu wissen, wie er dem Anlass angemessen reagieren sollte. Herthas Trainer zog die wattierte Jacke aus, der Ärger wirkte wie ein innerer Heizstab. Am liebsten wäre Röber wohl einfach verschwunden. Aber in solchen Momenten machen die Fernsehsender ihre Rechte geltend, sie verlangen Erklärungen, wofür es keine Erklärungen gibt. Röber beantwortete die Fragen mit ausgeprägter Unlust. Anschließend stellte er sich an die Seitenlinie, schaute minutenlang auf das leere Spielfeld. Via Anzeigetafel versendeten sich Werbebotschaften ins Nichts, aufgelockert von Sequenzen aus guten Tagen. Wenn Jürgen Röber nach oben geschaut hätte, hätte er sich auf der Videowand jubeln sehen können. Aber wer will sich diese Bilder in einem solchen Augenblick schon anschauen?

"Wir sind alle maßlos enttäuscht", sagte Röber nach der 1:2-Niederlage im DFB-Pokal-Viertelfinale gegen den 1. FC Köln, "ich logischerweise in erster Linie. Da mache ich auch keinen Hehl draus." Es war so etwas wie sein innigster Wunsch, das Arbeitsverhältnis mit dem Berliner Fußball-Bundesligisten bis zum 11. Mai auszudehnen. An diesem Tag - eine Woche nach dem Ende der Bundesligasaison - findet im Olympiastadion das Pokalfinale statt. Daraus wird nun nichts. "Im Moment kann man das nicht in Worte fassen", sagte Röber.

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Bundesliga-Tippspiel: Das interaktive Fußball-Toto von meinberlin.de Seit Mittwochabend, zwanzig nach neun, ist klar, dass Röbers Amtszeit bei Hertha BSC ohne den Gewinn eines Titels zu Ende geht. Als er vor sechs Jahren seinen Dienst antrat, hätte das auch niemand von ihm erwartet. Hertha kämpfte gegen den Abstieg aus der Zweiten Liga, inzwischen gehört der Klub seinem eigenen Selbstverständnis nach zu Deutschlands Spitze. Das ist auch ein Verdienst von Jürgen Röber. Und doch haftet ihm spätestens seit Mittwoch der Makel an, dass die von ihm betreute Mannschaft in entscheidenden Momenten versagt hat. Nach Mailand 2000, Genf 2001 kommt nun Köln 2002 hinzu.

"Das war ein harter Rückschlag", sagte Manager Dieter Hoeneß. "Es ist schon bitter, dass wir es zweimal versäumt haben, den entscheidenden Tick zu machen." Zweimal innerhalb von nicht einmal zwei Monaten. Im Uefa-Cup gegen Servette Genf war es Anfang Dezember ähnlich gewesen. Nach dem 0:0 im Hinspiel hatten sich die Berliner schon im Achtelfinale gewähnt, dann verloren sie im eigenen Stadion 0:3.

In der Rückschau erscheint auch das Aus gegen den 1. FC Köln, den kriselnden Abstiegskandidaten, fast zwangsläufig. Seitdem Röber seinen Abschied angekündigt hat, war es eigentlich abgemachte Sache, dass Hertha am 11. Mai im Olympiastadion für ihn den Pokal gewinnt. "Das war für uns alle ein Ziel", sagte Marko Rehmer zwar, aber manchmal hatte man das Gefühl, es gehe nur um Röber. "Vielleicht haben wir zu viel gewollt", sagte Rehmer. Vielleicht wollten sie nicht nur ein wichtiges Spiel gewinnen, sondern auch noch ihrem Trainer einen Gefallen tun. Michael Hartmann fand das Ausscheiden daher "unheimlich tragisch". Vor allem war es dämlich. "Es hätte so einfach sein können", sagte Röber. "Aber warum einfach? Das gab es hier ja noch nie."

Das Ausscheiden aus dem Wettbewerb bedeutet für Hertha auch einen wirtschaftlichen Verlust, "im Halbfinale wird Geld verdient", sagte Manager Hoeneß. Oder treffender ausgedrückt: Erst im Halbfinale wird Geld verdient. Mit einem Sieg im DFB-Pokal hätte sich die Mannschaft zudem sicher für einen europäischen Wettbewerb qualifiziert, möglicherweise schon mit der Finalteilnahme. Auch diese Chance wurde fahrlässig verspielt.

Am wichtigsten aber scheint im Moment der psychologische Aspekt zu sein. Die Aussicht auf das Pokalfinale war die Garantie dafür, dass die Zusammenarbeit zwischen Röber und den Spielern bis zum Ende der Saison funktioniert. Was aber schützt das labile Gebilde jetzt noch vor dem Einsturz? Das Ziel, zum dritten Mal in Folge einen Platz im Uefa-Cup zu erreichen, jenem Wettbewerb, der auch schon mal als Verlierercup verspottet wird? Oder der Ehrgeiz der Spieler, sich nichts nachsagen lassen zu wollen? "Jetzt ist genau der Charakter gefragt, den die Mannschaft im Herbst gezeigt hat", sagte Dieter Hoeneß.

Die Euphorie aus der Winterpause, ausgelöst durch eine lange Erfolgsserie, ist nach nicht einmal einer Woche schon wieder verflogen. Mit jeder Niederlage werden sich jene lauter zu Wort melden, die Hoeneß gerne als "künstliche Bedenkenträger" bezeichnet. Leute, die schon immer gewusst haben, dass die Sache mit dem angezählten Röber nicht funktionieren kann. "Es geht nicht um eine Person", sagte Hoeneß. Das Trainerthema spiele überhaupt keine Rolle, "es darf keine Rolle spielen". Dieser Wunsch wird sich wohl nur erfüllen, wenn die Mannschaft in der Bundesliga erfolgreich spielt. Am Samstag kommt Freiburg ins Olympiastadion. "Wir müssen uns jetzt auf die Bundesliga konzentrieren", sagte Michael Hartmann am Mittwochabend nach dem Spiel. "Aber heute kann ich das noch nicht."

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