Sport : Die Geduldsprobe

Emile Mpenzas Zeit beim HSV hat jetzt erst begonnen, meint Trainer Doll

Karsten Doneck[Hamburg]

Dass ihn mal eine Oberschenkelzerrung oder mal ein Muskelfaserriss für ein paar Wochen außer Gefecht setzte, dafür fand man in Hamburg ja noch Verständnis. Als Emile Mpenza aber im Winter nach einer Behandlung mit einer ärztlich verordneten Salbe an einer Hautallergie erkrankte und sein Arbeitspensum als Fußballprofi drosseln musste, da hatte er seinen Ruf weg. Fortan wurde dem belgischen Stürmer des HSV eine Fußball-untypische Wehleidigkeit unterstellt. Böse Zungen behaupteten sogar, die vor der Saison an Standard Lüttich gezahlten zwei Millionen Euro Ablöse für Mpenza seien rausgeschmissenes Geld, dieser Stürmer ein glatter Fehleinkauf. Thomas Doll, der HSV-Trainer, muss sich ziemlich einsam vorgekommen sein, als er sich hinstellte und immer wieder behauptete: „An Emile werden wir noch eine Menge Freude haben. Wenn er fit ist, ist er bei mir gesetzt.“ Verstehen konnte diesen Treueschwur niemand so recht.

Nach dem 3:0 (0:0)-Sieg der Hamburger am Samstag über Hansa Rostock sah sich Doll in seiner Ansicht über Mpenza endlich bestätigt. „Seine Zeit in Hamburg hat jetzt erst richtig begonnen“, jubelte der Trainer. Mpenza hatte mit einem Kopfball aus fünf Metern nach einer präzisen Flanke von Mehdi Mahdavikia die bahnbrechende 1:0-Führung erzielt. Beinahe wäre ihm schon kurz vor der Pause ein Treffer geglückt, doch mit einem unglaublichen Reflex verbaute der Rostocker Torwart Mathias Schober dem Ball den Weg ins Netz. Auch sonst stiftete Mpenza viel Unruhe in Hansas Reihen. Das dritte Tor durch Naohiro Takahara bereitete er indirekt vor.

Erst drei Treffer hatte Mpenza zuvor bei seinen 18 Bundesliga-Einsätzen für den HSV erzielt. Damit lag er weit unter der erwarteten Quote. „Er hat sicher noch nicht das gezeigt, was er kann“, fällte HSV-Sportchef Dietmar Beiersdorfer zwischenzeitlich ein noch eher mildes Urteil. Längst waren in Hamburg nämlich die Erinnerungen wachgerufen an Mpenzas Zeit bei Schalke 04. Die ganzen alten Geschichten wurden wieder ausgegraben. Zwischen 1999 und 2003 hat Mpenza für Schalke zwar 28 Bundesliga-Tore geschossen, aber er fiel auch häufig verletzt aus. Meist zwickte ihn der Oberschenkel, mal rechts, mal links. Schalkes Manager Rudi Assauer, in seiner Wortwahl wenig zimperlich, hat Emile Mpenza als „Pflegefall“ bezeichnet. „Der ist nicht frei in der Birne“, hat Assauer gesagt. Mpenza verließ Schalke – trotz laufendem Vertrag. Manche sagen, er sei vor den Problemen davongelaufen, einfach abgehauen. Zurück dorthin, wo er herkam. Nach Lüttich, zu Standard. Von dort holte ihn der HSV. Und die Norddeutschen waren guter Dinge. Auch weil Mpenza abgeklärter, ruhiger, einfach reifer schien. „Ich bin ein anderer Mensch als noch mit 21“, sagte er. Und: „Ich bin jetzt selbstbewusster.“

Vor neun Tagen sind die Hamburger bei Schalke 04 angetreten. Für Emile Mpenza eine Rückkehr in die ungeliebte Vergangenheit. Umso mehr freute sich der Belgier, dass er drei Minuten vor Schluss am 2:1-Siegtor seiner Mannschaft maßgeblich beteiligt war. Schalkes Krstajic hatte, hart bedrängt von Mpenza, den Ball ins eigene Tor gelenkt. Glückselig sank Mpenza auf die Knie, ließ sich feiern, als sei ihm ganz allein das Tor geglückt – nach einem Solo von der eigenen Strafraumgrenze aus.

Gegen Hansa Rostock holte er nun sein echtes Erfolgserlebnis nach. „Das war wenigstens zu hundert Prozent mein Tor“, verkündete er nachher freudestrahlend. Und auch Rostocks Trainer Jörg Berger muss an Emile Mpenza gedacht haben, als er seine Spielanalyse auf den Punkt brachte. „Der HSV“, sagte Berger, „war nach vorne hin gefährlicher.“

Für Thomas Doll fand durch Mpenzas starken Auftritt eine Geduldsprobe ihr vorläufiges Ende. Der Hamburger Trainer sagte auf Mpenza gemünzt: „Manchmal muss man eben ein bisschen länger warten, bis so ein Mann explodiert.“

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